amerika heute und morgen.jpg
"Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte."



Der Roman Der Verschollene, wie ihn Kafka selbst nannte, oder Amerika, unter welchem Titel ihn Max Brod erst nach dem Tod Kafkas veröffentlichte, hat Kafka unvollendet gelassen. Das erste Kapitel “Der Heizer” publizierte Kafka jedoch selbst, weil, wie er in einem Brief an__Felice Bauer__, seine zukünftige Verlobte schrieb, “als Ganzes nur das erste Kapitel aus innerer Wahrheit herkommt” (der__Brief__ an Felice, März 1913). Was den Status des Kapitels hinsichtlich des Romans in Ganzem betrifft, betonte Kafka beim Herausgeben, dass es kein vollendetes Stück ist: “Es ist ein Fragment, diese Zukunft gibt dem Kapitel die meiste Abgeschlossenheit” (der __Brief__ an den Verleger __Kurt Wolff__, April 1913). Bemerkenswert ist es, dass Kafka “Der Heizer” zusammen mit Das Urteil und Die Verwandlung in einem einzigen Band unter dem Titel “__Söhne__” veröffentlichen wollte. Schon aus dieser Tatsache lässt sich vermuten, dass das Hauptthema des Fragments das Schicksal eines misshandelten Sohnes ist. In diesem Artikel werde ich das Kapitel zusammenfassen und dann analysieren, mit dem Schwerpunkt auf dem Thema der Gerechtigkeit bezüglich des Protagonisten, Karl Roßmann.



Die Zusammenfassung


Der siebzehnjährige Karl Roßmann kommt im__Hafen von New York__ an. Seine Eltern haben ihn dorthin geschickt, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte. Karl geht nicht von Bord, denn er merkt erst auf dem Deck, dass er seinen Regenschirm unter Deck im Schiff gelassen hat. Karl bittet einen Jungen, den er während der Fahrt kennengelernt hat, seinen Koffer zu überwachen, und geht hinunter. Da er sich innerhalb des leeren Schiffs verirrt, schlägt Karl an die erste verfügbare Tür. Ein Mann, den Karl in der eng eingerichteten Kabine findet, bittet ihn, hereinzukommen. Weil es so eng in der Kabine ist, schließt er die Tür hinter Karl und lädt ihn ein, sich auf sein Bett zu legen. Schon im Bett erinnert sich Karl an seinen Koffer, den er mit dem Bekannten gelassen hat. Der Mann aber sagt ihm, dass jener Bekannter mit dem Koffer vielleicht schon verschwunden ist. Als Karl auf jeden Fall die Kabine verlassen und nach oben gehen will, hindert ihn der Mann daran, indem er ihn in die Brust ins Bett zurückstößt. Er versichert Karl, dass sie beide die Kabine bald verlassen werden, und dass sie eine bessere Chance haben, seinen Regenschirm zu finden, wenn sie zusammen sind. was für das Suchen des Regenschirmes besser sei. Am Anfang glaubt Karl ihm das nicht. Aber als ihm der Mann mitteilt, dass er Schiffheizer ist, wird Karl jedes Bedenken los. Karl freut sich darüber, denn wie er es dem__Heizer__ erklärt, interessiert er sich für Technik und wäre Ingenieur geworden, wenn er in Europa geblieben wäre. Karl erklärt ihm nicht, warum er ausgereist ist. Er sagt nur, dass er jetzt, wo seine Eltern seinem Schicksal gegenüber gleichgültig sind, gern Heizer würde. Daraufhin sagt der Heizer, dass er seine Stelle kündigen und das Schiff eigentlich verlassen will, weil ihm hier “die Verhältnisse” nicht gefallen (Seite 10; Zeile 34). Der Grund dazu sei, dass auf diesem deutschen Schiff ein “Fremder”, nämlich ein Rumäne, die Stelle des Obermachinisten besitzt. Als Karl erfährt, wie der Heizer von diesem Obermachinisten Schubal misshandelt wird, beginnt er sich “heimisch” auf dem Bett des Heizers zu fühlen und mahnt ihn dazu, sich diese ungerechte Behandlung nicht gefallen zu lassen und beim Kapitän Gerechtigkeit zu suchen (12; 5). Obwohl der Heizer Karls Ratschläge zuerst abtut, erklärt er nach einer Weile in einem entschlossenen Ton, dass er bereit ist, zum zu Kapitän gehen, und die beiden verlassen die Kabine.


Als der Heizer die Erlaubnis bekommt, das Büro des Kapitäns zu betreten, gehen die beiden hinein. Unter den Anwesenden im Büro beobachtet Karl einen Mann in Zivil mit einem Bambusstöckchen, der mit einem Mann in Schiffsuniform mit Ordnen auf der Brust spricht, und einen Mann mit Folianten, der neben einer offenen Kasse sitzt. Der Letztere, der sich als Oberkassier erweist, lehnt die vom Diener übertragene Bitte des Heizers mit ihm zu sprechen ab. Dann läuft Karl zu seinem Tisch trotz dem Versuch des Dieners, ihn wegzujagen, und beginnt dort für den Heizer zu plädieren. Als Karl die Sache des Heizers vorstellt, lädt der Oberkassierer ihn selbst zum Sprechen ein. Der Oberkassier tut aber die Anklagen des Heizers ab, weil der Heizer angeblich ein regulärer “Querulant” sei (18; 35). Über allem betont der Oberkassierer die Tatsache, dass Schubal der unmittelbare Vorgesetzte des Heizers ist, aufgrund dessen sich der Letzte mit der Situation abfinden muss, auch wenn er schlecht behandelt wird. Jedoch greift der Mann mit den Orden, der sich als Kapitän herausstellt, in die Rede des Oberkassiers ein und lässt den Heizer reden.


Karl ist unzufrieden damit, wie sich der Heizer für seine Rechte einsetzt: seine Vorwürfe sind zu unbestimmt, zu verwirrend, seine Redeweise zu aufgeregt: “ein trauriges Durcheinanderstrudeln aller insgesamt” (21; 6). Karl hat das Gefühl, der Kapitän könnte ein gerechter Mensch sein. Nichtsdestoweniger fürchtet er, dass der Heizer seinen Fall verlieren wird, weil er seine Worte so extrem wirr und voller Verzweiflung ausspricht. Und so greift Karl ein, um den Heizer zu beraten, seine Redeweise zu ändern. Der aber, schon in Tränen und, wie es Karl scheint, voller Verzweiflung in Bezug auf die Wirksamkeit seiner Argumente, kann Karls Ratschläge nur so interpretieren, als bestätige Karl mit seiner Eingreifung die Hoffnungslosigkeit der ganzen Affäre. Und tatsächlich wendet der Heizer seine Wut jetzt auch gegen Karl. Mittlerweile erkundigt sich der Mann mit dem Bambusstöckchen, der vorher fast keine Aufmerksamkeit auf die Szene geschenkt hat, nach Karls Namen. Ehe Karl aber antworten kann, wird es auf einmal an der Tür geklopft. Schubal, in einem nicht zur Arbeit geeigneten Kaiserrock, wie es Karl bemerkt, kommt ins Büro herein. Karl vermutet, dass dieser sicher die Gunst in dem Konflikt gewinnen wird, sei es auch nur deswegen, weil der Heizer den Anwesenden so viel Schaden durch seine Rede angerichtet habe. Auf der anderen Seite ist Karl seiner Fähigkeit sicher, die Aufmerksamkeit des “Tribunals” auf den echten Charakter des Schubals und damit auf die Stichhaltigkeit der Beschwerden des Heizers zu lenken. Tatsächlich nimmt Karl in seinen Gedanken alle Verantwortung für den unglücklichen Lauf des “Prozesses”, für seine Unvorbereitetsein, trotz solcher unvorhergesehenen Umständen wie Schubals Ankunft den Kampf für den Heizer zu führen. Jedoch fühlt Karl, dass seine Eltern darauf stolz wären, dass er so stark für die Gerechtigkeit kämpft, auch sogar in einer Welt, in der er sich nicht gut auskennt. Er denkt, wenn sie es nur sehen könnten, würden sie ihre Meinung über ihn zur Besten ändern und ihm ihre elterliche Zärtlichkeit schenken. Sofort tut doch Karl diese Gedanken als unpassend für den Augenblick ab.


Inzwischen erklärt Schubal den Anwesenden, dass wenn der Heizer ihn vor ihnen verleumdet, ist er bereit, alle Beschuldigungen zu widerlegen, wozu er unvoreingenommene Zeugen mitgebracht hat. Karl merkt, dass Schubal dank seiner klaren Rede eine gute Reaktion von der Gesellschaft bekommt, obwohl sie offensichtlich Widersprüche enthält. Ehe Karl eine Gelegenheit hat, die Anwesenden darauf hinzuweisen, fordert der Kapitän den Herrn mit dem Bambusstöckchen dazu auf, seine unbeantwortete Frage zu wiederholen. Als der Herr Karls Namen hört, erklärt er sich als Karls__Onkel Jacob__. Karl bleibt gleichgültig der Neuigkeit gegenüber, denn er kümmert sich nur darum, was diese Wende für den Fall des Heizers bedeuten wird. Der Kapitän aber will Karl sein Glück klarmachen, das darin besteht, dass Karls Onkel Staatsrat ist, was ihm unbedingt eine glänzende Zukunft verspreche. Um dem skeptischen Karl ihre Verwandtschaft zu bestätigen, berichtet Onkel Jacob die Geschichte seiner eigenen Auswanderung sowie die Umstände von Karls Ausreise, nämlich dass ihn seine Eltern wegen der Verführung vom Dienstmädchen Johanna rücksichtslos weggeschickt haben, um einen Skandal zu verhüten und keine Alimenten zahlen zu müssen. Was Karl gemacht hat, um so behandelt zu werden, behauptet der Onkel an sich selbst entschuldbar zu sein, und dazu benutzt er das Wort “verführen”, das Karl kränken mag, nur aus Mangel an ein besseres Wort (29; 14). Diese Auskunft hat Onkel Jacob von Johanna selbst erfahren, weil sie ihm in einem Brief sowohl von Karls Ausreise nach Amerika als auch von der Personenbeschreibung des Neffen berichtet hat. Obschon der Onkel angeblich versucht, Karls Eltern nicht zu beurteilen, endet er jedoch damit, dass er die unangenehmen Umstände seines Abschieds von ihnen sowie ihre zwei "Bettelbriefe" an ihn erwähnt, was ihre unsympathischen Charaktere bestätigt (29; 35).



Karl erwidert aber in den Gedanken, dass er keine Gefühle für Johanna hat, und stürzt sich in die Erinnerungen an sie vor und während der “Verführung.” Er erinnert sich daran, wie er sie ständig zu Hause sah, wobei sie sich merkwürdig ihm gegenüber benahm: die Tür der Küche hinter ihm zu schließen pflegte, immer wenn er die Küche betrat, oder ihm die Sachen, die er nicht brauchte, schweigend in die Hände zu drücken pflegte. Einmal brachte sie ihn in ihr Zimmer, entkleidete ihn, legte ihn in ihr Bett, wo sich Karl gar “unbehaglich” fühlte, “suchte” mit ihrer Hand “zwischen seinen Beinen,” was Karl widerlich war, und “stieß” ihren Bauch an ihn, wodurch sie Karl in den Zustand “entsetzlicher Hilfsbedürftigkeit” setzte (31; 19, 26, 28, 31). Für Karl ist das “alles,” was dann passierte und deshalb denkt er, dass der Onkel zu viel aus der Geschichte macht. Er versucht den Onkel zu korrigieren, indem er ihn auf die Tatsache hinweist, dass sein Bericht einige Fehler enthält, was aber verständlich sei, weil man über eine Sache, für die man sich nicht interessiert, Fehlinformationen habe. Der Onkel tut den Kommentar als nur “wohl gesprochen” ab (32; 15). Da erinnert sich Karl an die Sache des Heizers und fragt laut von dessen Schicksal. Darauf antwortet der Senator, dass dem Heizer geschehen wird, was er verdient; worauf Karl erwidert, dass man in den Sachen der Gerechtigkeit nicht so entscheidet. Nach dem Senator aber geht es mit dem Heizer nicht unbedingt um die Justiz, sondern eher um die Disziplin, was auf jeden Fall nur den Kapitän betrifft. Nach diesem Urteil verkündet der Onkel seine Abreise mit dem Neffen, um durch seine Anwesenheit dem geringfügigen Vorfall des Heizers nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Da Karl versteht, dass er nichts mehr in dieser Affäre tun kann, kommt er nahe auf den Heizer zu und fordert ihn auf, sich zu verteidigen, “ja und nein [zu] sagen,” den Leuten die Wahrheit über das Unrecht, das ihm getan wurde, zu erklären (36; 16). Als er mit dem Heizer spricht, spielt er mit den Händen des Heizers und küsst sie weinend, was der Senator bloß als Karls Gefühl der Verlassenheit abtut und dazu als ungeeignet für Karls neue “Stellung” interpretiert (36; 30). In diesem Augenblick kommen die Zeugen Schubals herein, die die ganze Sache nur als Spaß zu betrachten scheinen, und der weinende Karl und der Onkel verlassen die Kabine, um in ein Boot nach New York einzusteigen. Schon im Boot denkt Karl, dass ihm sein Onkel den Heizer kaum ersetzen könnte.





heute und morgen 2.jpg
"Hinter alledem aber stand Newyork und sah Karl mit den hunderttausend Fenstern seiner Wolkenkratzer an."

"Warum lässt Du Dir alles gefallen?"
Man fragt sich, warum sich Karl so schnell und so leidenschaftlich an den Heizer verbunden fühlt. Hat der Onkel Recht, dass dessen Grund nur darin liegt, dass sich Karl in einem fremden Land allein verlassen fühlt und dass er jetzt, wo er die Familie wiedergefunden hat, diese Zuneigung loswerden wird? Doch beweisen Karls Gedanken bei der Abreise, dass der Heizer für ihn kein beliebiger Mensch ist, dass er sogar mit einem Verwandten kaum ersetzt werden kann (38; 32). Ich schlage vor, dass es im Fall des Heizers eigentlich für Karl um die Gerechtigkeit seiner eigenen Situation handelt, weil ihm selbst von seinen Eltern Unrecht getan wurde und weil er sich offenbar für sich selbst nicht einsetzten kann. Der Kampf des Heizers wird zum Forum, wo Karl seine eigenen Beschwerden, obwohl er sie vielleicht weder vollständig begreift noch artikulieren kann, projiziert und dadurch mit dem Heizer identifiziert.

Welches Unrecht wurde Karl getan? Karl kommt nach Amerika nicht aus seinem eigenen Willen, sondern wird von seinen Eltern hierher geschickt, weil er vom Dienstmädchen verführt wurde. Zuerst mag man denken, dass solches Wegschicken eine Strafe für den siebzehnjährigen Jungen ist, der seine Triebe nicht kontrollieren kann. Später erweist es sich aber aus dem Bericht des Onkels, der von Johanna brieflich informiert wurde, dass die Eltern Karl nur darum so rücksichtslos behandelten, weil sie einen Skandal und finanzielle Konsequenzen vermeiden wollten, was eher auf die Selbstsüchtigkeit der Eltern als auf die Strenge ihrer Strafe hinweist. Abgesehen davon aber, ob Karls Eltern wirklich selbstsüchtig oder nur streng sind, wurde Karl auf jeden Fall ungerecht behandelt. Sogar wenn das Wegschicken als eine Strafe für sein “schlechtes Benehmen” gemeint wird, scheint es seinem Verstoß unerklärlicherweise unangemessen zu sein. Dessen Grund mag darin liegen, dass niemand, weder die Eltern noch der Onkel, Interesse daran zu haben scheint, das an jenem Tag wirklich Geschehene zu untersuchen, um Karls Schuld daran festzulegen.

Was passierte eigentlich genau? Uns Leser wird von dem Erzähler gesagt, dass Karl verführt wurde; der Onkel auch stellt die Sache in den gleichen Worten dar -- obwohl er auf mehrdeutige Weise eingesteht, dass dieses Wort nicht das Geschehnis am besten beschreibt -- aber Karl selbst, wie es sich erweist, kann eine verschiedene Perspektive anbieten, die Perspektive, die offenbar nicht in Betracht gezogen wird. Karl “hatte keine Gefühle an jenes Madchen” (30; 27). Wenn man an eine sexuelle Verführung denkt, fällt einem ein, dass der Verführte mindestens nicht gegen einen Geschlechtsakt ist, obwohl er aus irgendwelchen Gründen vorzieht, darauf zu verzichten. Wie man in Karls Gedanken an den Vorfall sieht, war Karl nicht ganz bewusst, was Johanna, eine fünfunddreißigjährige Frau, mit ihm tun wollte, so dass man sagen kann, dass sie ihn in einem anderen Sinn des Wortes “verführte,” nämlich “irreführte.” Doch scheint das Geschehnis mehr als eine Irreführung zu sein: Karl fühlte sich “widerlich” und hilflos während des Geschlechtsaktes, als habe ihn Johanna eigentlich vergewaltigt. Dass Karl keinen Widerstand leistete, rechtfertigt sie nicht vollständig, denn als eine ältere Frau hatte sie die Verantwortung, Karls Abneigung sowie seine Unfähigkeit ihr widerzustehen vorauszusehen. Auf jeden Fall sehen wir, dass Karl den Geschlechtsverkehr - vielleicht nur aus Ignoranz oder aus Angst - gar nicht wollte. Wie könnten seine Eltern das Geschehnis so missverstehen und Karls offenbare Unschuld so ungerecht bestrafen? Hier kommen wir zum Punkt, wo man die Ähnlichkeiten zwischen zwei Fällen - des Heizers und Karls - einsehen kann: genauso wie sich der Heizer, nach Karls Vorwürfen, Unrecht gefallen lässt und die Ungerechtigkeit ihm gegenüber den anderen Leuten nicht erklären kann, so kann Karl selbst in seiner eigenen Sache den anderen nicht widerstehen.


Wie man aus Karls Erinnerungen und seiner Reaktion auf die Darstellung vom Onkel des Vorfalls als eine “Verführung” schließen kann, scheitert Karl, auf die Untersuchung der Wahrheit zu bestehen. Obwohl man nicht sicher wissen kann, wie viel seine Eltern den Vorfall untersuchen wollten, sieht man, wie sich Karl gegen das Missverständnis des Onkels wehrt. Obwohl Karl erkennt, dass der Vorfall falsch dargestellt wird, kann er weder die Fehler ausführlich artikulieren noch darauf bestehen, dass man die Tatsachen prüft und die Perspektiven aller Beteiligten in Betracht zieht. Und so lässt er es geschehen, dass nicht nur der Onkel sondern auch die Anwesenden falsch verstehen, was ihm tatsächlich passiert ist. Im Fall des Heizers benimmt sich Karl ganz anders, und zwar merkt er, dass seine Eltern überrascht wären, wenn sie ihn so gegen das Unrecht kämpfen sehen würden. Es ist möglich, dass wenn es zu Hause um die “Verführung” handelte, sich Karl genauso wie hier in Bezug auf die falsche Schilderung vom Onkel benahm, nämlich bestand er nicht auf seine Unschuld. Deshalb setzt sich Karl so leidenschaftlich für den Heizer ein: dadurch kämpft er für seine eigene Sache, weil er sich genauso wie der Heizer “zu Wehr” nicht einzusetzen weiß und sich darum Unrecht gefallen lässt (36; 15).


Mit dieser Interpretation entsteht die Frage, warum Karl für seine Sache nicht so entschlossen plädieren kann wie für die Affäre des Heizers. Ich schlage vor, dass es in Karls eigenem Fall nicht nur um die Gerechtigkeit sondern auch um die Disziplin handelt, wie der Onkel einsichtsvoll die Sache des Heizers beurteilt. Da wir nur wenig von Karls Verhältnissen zu seinen Eltern wissen, möchte ich diesen Zusammenhang zwischen der Gerechtigkeit und der Disziplin mittels der Parallele zwischen den Situationen der beiden Misshandelten erleuchten und zeigen, wie dieser Zusammenhang Karl verhindert, sich selbst zu verteidigen.


Im Fall des Heizers geht es nach der Einschätzung des Oberkassiers hauptsächlich um die Verpflichtung, sich seinem Vorgesetzten Schubal unterzuwerfen, egal ob er gerecht oder ungerecht behandelt wird. Der Senator drückt eine ähnliche Meinung aus, während er die Beurteilung der Beschwerden des Heizers an den Kapitän delegiert, mit der Begründung, dass es eher die Disziplin, was die Unterwerfung den von einer höheren Autorität festgestellten Regeln bedeutet, als Gerechtigkeit betrifft. Ist es dann möglich, dass Karl in seinem eigenen Fall nicht voll und ganz auf die Wahrheit besteht, weil seine Sache gerade vom Standpunkt der höheren Autorität - der Eltern - beurteilt wurde, weil er sie unabhängig von der Gerechtigkeit ihrer Urteile gehorchen nicht nur sollte, sondern auch musste? Kaum missgönnt er ihnen ihre strenge “Strafe,” stattdessen hofft nur, dass sie ihre Meinung von ihm ändern würden. Man kann sogar an ihm die Verinnerlichung seiner Schuld vermuten: er will die Meinung seiner Eltern nicht durch die Bestätigung seiner Unschuld sondern durch seine Engagement für die Gerechtigkeit in einem anderen Fall beeinflussen, als brauche er einen Fehltritt wiedergutzumachen.



Auf der anderen Seite lässt sich die Veränderung von Karls Verhalten im Fall des Heizers durch die Tatsache erklären, dass Karl als Vertreter für den Letzten agiert. Tatsächlich ist es nicht ganz klar, ob Karls Vorwürfe dem Heizer gegenüber richtig sind, dass er den Anderen die Wahrheit über sein Unrecht klarstellen nicht kann. Stattdessen scheint der Heizer sogar zu fähig zu sein, seine Beschwerden auszudrücken, bis zu dem Punkt, wo sie ihre Wirksamkeit verlieren, so dass der Heizer wirklich die Hilfe eines Beteiligten braucht, der emotionell distanziert ist, anders gesagt, eines Anwaltes. In diesem Licht liegt Karls Entschlossenheit auch darin, dass er hier die Situation ganz objektiv einschätzen und angehen kann, was ihm wahrscheinlich nicht so leicht in den Verhältnissen mit den Eltern gelingt. Seine Gefühle ihnen gegenüber scheinen dafür zu stark von der kindlichen, dazu offenbar nicht genug empfangenen Liebe geprägt: “Würden sie ihre Meinung über ihn revidieren? Ihn zwischen sich niedersetzen und loben? Ihm einmal einmal in die ihnen so ergebenen Augen sehn?” (25; 14). Also, nicht nur die Frage der Disziplin mag Karl ein Hinderniss seiner Verteidigung sein, sonder auch seine Voreingenommenheit den Eltern gegenüber.


Natürlich geht es um mehr als die Frage der elterlichen Autorität und Liebe für Karl. Auch mit anderen Leuten kann Karl ihrem Willen nicht standhalten. So lässt Karl Johanna ihn in ihr Zimmer mitbringen und ihn dort den Sachen unterwerfen, die ihm “widerlich” sind, egal ob er versteht oder nicht, was zwischen den beiden passiert. Hinsichtlich Karls passiver Folgsamkeit von Johanna sieht man eine Parallele in der Kabine des Heizers: Karl wird ins Zimmer gestoßen, ins Bett gezwängt und dort noch mehr an die Wand vom Heizer verschoben, ohne dass Karl irgendwie darauf reagiert. Obwohl dieser Vorfall glücklich für Karl endet -- er findet den Mann, mit welchem er sich identifizieren kann -- kann man vermuten, dass solche Folgsamkeit dem Willen der anderen ein reguläres Muster in seinem Verhalten ist. Ob es die Verhältnisse zu Karls Eltern oder zu anderen Menschen betrifft, sind alle seine Vorwürfe und Ermahnungen an den Heizer in der Wirklichkeit an sich selbst gewendet, an seine eigene Unfähigkeit "ja und nein [zu] sagen," an seine Gewohnheit, den anderen mit sich was sie wollen machen zu lassen, sowie die Unfähigkeit, auf seine Unschuld zu bestehen, wie er daran mit dem Onkel und offenbar mit den Eltern scheitert. Während Karl verzweifelt die Hände des Heizers küsst, während sich Karl so merkwürdigerweise erotisch dem Heizer gegenüber benimmt, verweint er die Tränen nicht nur für die hoffnunglose Affäre des Heizers, sondern bedauert leidenschaftlich sich selbst.



"Und so weinte Karl, während er die Hand des Heizers küsste und nahm die rissige, fast leblose Hand und drückte sie an seine Wange, wie einen Schatz, auf den man verzichten muss."


Die Affäre von Karl Roßmann, dem weggeschickten Sohn, dem Opfer einer “Verführung,” dem unverstandenen Schuldlosen, wird vom Erzähler so ambivalent dargestellt, dass sie sich nur durch Karls Identifizierung mit dem Heizer erläutern lässt. Der Heizer wird Karl ein Spiegel von sich selbst, wo er seine eigenen Schwächen sehen und bemitleiden kann, und gleichzeitig ein Inbegriff der Ungerechtigkeit, gegen die Karl so kämpfen kann, wie er für seine Schuldlosigkeit zu tun nicht imstande ist. Leider kann Karl letztendlich weder den Heizer retten, noch das Unrecht, das ihm selbst getan wurde, und die Schwäche seines eigenen Willens besser begreifen. Wurde diese Chance völlig verloren? Wir können nur hoffen, dass Karl im Rest des unvollendeten Romans genug Zeit haben wird, das, wozu er den Heizer so dringend auffordert, sich selbst zu implementieren.




Für weitere Informationen: