Der Marsch nach Ramses ist ein sehr interessantes Kapitel in Franz Kafkas Der Verschollene. Es ist ein Kapitel von Veränderungen und Bewegung, als Karl ein neues Amerika entdeckt. Verbannt von seinem reichen Onkel muss Karl jetzt seinen eigenen Weg in die grosse neue Welt machen. Vieles erinnert ihn an sein altes Leben in Europa, als er neue Leute trifft und mehr von Amerika sieht.

Abgelehnt von seinem reichen Onkel Jakob, wählt Karl Roßmann “eine beliebige Richtung” (S. 89) und mit seinem Koffer und seinem Schirm fängt mit seinem Marsch an. Er kommt nicht weit, denn “nach kurzem Marsche” (S. 90) bleibt er bei einem Wirtshaus stehen. Er bekommt ein finsteres Zimmer, das er mit zwei armen, schlafenden Leuten teilen muss. Karl will nicht, daß seine Sachen gestohlen werden, so er untersucht seinen Koffer, der er im Schiff von Europa gelassen hatte, während diesen zwei schlafen. Im vorherigen Kapitel, als er den Abschiedsbrief von seinem Onkel las, bekam er diesen Koffer, und auch den Schirm, den er so dringend gesucht hatte. Jetzt im Wirtshaus, ganz am Rand „des Newyorker Fuhrwerkverkehrs“ (S. 90), will Karl einen „Überblick über seine Sachen...bekommen“, an die er sich nur „undeutlich“ erinnert (S. 91). Er stellt sich vor, daß das Wertvollste darin schon lange weg ist und als er den Koffer öffnet, wird er entsetzt, denn alles ist „so wild durcheinander hineingestopft“ (S. 92). Aber nichts fehlt. Jemand hat sogar seinen Anzug, den er während seiner Reise nach Amerika getragen hatte, hineingestopft, sowie seine Wäsche, die jetzt rein gewaschen und gebügelt ist. Alles, was er von Europa mitbrachte, hat er wieder da im Koffer – sein Geld, seine Uhr, eine Taschenbibel. Nur ist jetzt alles mit dem Geruch der Veroneser Salami bedeckt. Auch die Mütze, die Herr Green zum Karls Abschied gab, ist diejenige Reisemütze, die seine Mutter ihm mitgegeben hatte.

Als er sich an Herr Green und seinem Onkel erinnert klappt Karl unabsichtlich den Kofferdeckel wütend zu, dessen Lärm seine zwei Zimmerkameraden aufweckt. Um seine Sachen, die jetzt auf dem Tisch liegen, von diesen Fremden zu verstecken, und auch um sich vorzustellen, geht Karl mit eine Kerzer zum Bett. Die zwei Männer, die dort liegen, sind sehr jung und knochig. Ihre langen Haare liegen zerfahren und “unordentliche Bärte” hängen unter “tiefliegenden Augen” (S. 93). Um ihre „Schwächezustand“ (S. 93) auszunützen, erklärt Karl sofort was er dort macht, daß er, obwohl er schöne Kleider trägt, sehr arm und ohne Aussichten ist, und bittet um die Namen und Nationalitäten seiner schläfrigen Zimmerkamderaden. Obwohl gerade nach diesem Ausbruch Karls die beiden zurück in den tiefen Schlaf fallen, lernt Karl, daß einer der irländische Robinson ist und der andere der französische Delamarche. Es quält Karl, daß einer ein Irländer ist, denn vor seiner Reise hat er gelesen, wie man sich „in Amerika vor den Irländern hüten“ soll (S. 94), aber nach nährem Herantreten merkt Karl, daß der Irländer doch erträglicher und weniger hart als der Franzose scheint.

Aber Karl will noch immer nicht einschlafen, und so schaut er seine Sachen wieder an, besonders die Photographie von seinen Eltern, die er von zu Hause mitgebracht hatte. Kafka beschreibt die Eltern hier mit vielem Detail. Wir sehen wie “der kleine Vater hoch aufgerichtet” steht, mit einem “wagrechte[n] starke[n] Schnurrbart” und mit einer Hand auf dem Fauteuil, in dem die Mutter “eingesunken” sitzt, und mit der anderen - als eine geballte Faust - auf einem aufgeschlagenen illustrierten Buch, das auf einem “swachen Schmucktischchen” liegt. Mit einem “verzogenen” Mund scheint seine Mutter “als sei ihr ein Leid angetan worden und als zwinge sie sich zu lächeln” (S. 94). Karl erinnert sich daran, wie seine Eltern von ihm verlangten, ihnen von Amerika aus zu schreiben. Obwohl er damals schwor, ihnen niemals zu schreiben, umdenkt er sich diesen Schwur, denn “was galt ein solcher Schwur eines unerfahrenen Jungen hier in den neuen Verhältnissen?” (S. 95). Mit solchen Gedanken wird Karl langsam müde und mit der Annehmlichkeit dieses Bildes schläft er ein.

Er wird von Delamarche geweckt und lernt, daß die beiden arbeitslose Maschinenschlosser sind, die nach Butterford marschieren, um dort Arbeit zu finden. Sie versprechen Karl dort eine Lehrlingsstelle und geben ihm den Rat, daß sein schönes Kleid zu gut für so eine Stelle ist und daß er es deswegen schnell verkaufen soll. Bevor Karl etwas sagen kann, nehmen die zwei das Kleid weg und kehren mit einem halben Dollar und fröhlichen Gesichtern zurück. Dazu hat Karl aber keine Zeit, etwas zu sagen, denn alle drei werden aus dem Zimmer getrieben und Karl muss dafür sorgen, daß nicht alle seine geschätzte Sachen von der schläfrigen Zimmerfrau gefühllos in den Koffer geschmissen werden.

Ohne Gespräch darüber machen sich alle drei zusammen auf den Weg nach Butterford. Im Morgennebel marschieren sie neben die verkehrsreiche aber ordentliche Strasse. Karl versteckt sich von einem vorbeigehenden Automobil, das Arbeit in der Spedition Jakob anbietet. Zur Entsetzen von Karl ablehnen seine zwei Kameraden diese Spedition, die Delamarches Meinung nach ein Betrug und berüchtigt ist.

Sie gehen an großen Fabriken und Mietskasernen vorbei, die Karl sehr an seine Heimat erinnern. Er zögert, ob er New-York doch verlassen soll, denn von dort hin ist eine Rückkehr in seine Heimat leichter. Als er diese Idee ausspricht, schenken seine bisherigen gleichgültigen Kameraden ihm viel mehr Beachtung und sie versprechen ihm, daß Butterford viel schöner als New-York ist.


Mit solcher Unterstützung geht Karl auf seinem Marsch weiter. Die drei jungen Männer bleiben in der Nähe von einem Hotel stehen und entscheiden sich, hier im Freien zu übernachten. Weil er der Jüngste ist - und die anderen sich nicht darauf melden - geht Karl ins Hotel, um ein Abendessen zu finden. Hier findet der Junge eine grosse Menge von Leuten. Niemand beachtet Karl als er etwas vom Buffet zu nehmen versucht. Er muss sich durch die Massen drängen und alles ist "ihm unbegreiflich" (S. 108). Endlich findet er eine nette Frau, die ihn aus dem lauten Saal heraus nimmt und ihm ein schönes Abendessen gibt. Sie bietet Karl die Möglichket an, im Hotel zu übernachten, aber Karl fühlt sich seinen Kameraden, die er nicht ins Hotel mitbringen könnte, treu. Er kehrt nach draußen zurück, wo in der Zwischenzeit seine Kameraden seinen Koffer überfallen haben. Seine Sachen sind jetzt durcheinander und das geschätzte Bild seiner Eltern ist verschwunden. Entsetzt entscheidet Karl doch in dem Hotel zu übernachten und mit seinem Koffer verlässt er seine schweigenden "Kameraden".


So endet das Kapitel "Der Marsch nach Ramses".