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Byron Company, Hotel Knickerbocker, Southeast Corner 42nd Street and Broadway, 1912, from the Collection of the Museum of the City University of New York.



Das zweite Kapitel des Romans Der Verschollene von Franz Kafka heißt Der Onkel. Die Hauptfiguren sind Karl Roßmann und sein Onkel. Dieser heißt Jakob und wohnt seit vielen Jahren in Amerika. Er ist erfolgreich und anspruchsvoll. Er ist an den New Yorker Hafen gekommen, um Karl nach seiner langen Reise von Deutschland zu empfangen. Der Schauplatz ist Jakobs Haus in New York, wo Karl nun lebt. Das Hauptthema ist Karls Aufenthalt bei seinem Onkel. Nach seinem ersten Ausblick vom Hafen stellt dieser Karls ersten Eindruck von New York dar. Obwohl das Haus des Onkels gut ausgestattet ist, fühlt sich Karl oft unter Druck und unglücklich. Bald beginnen die großen Erwartungen des Onkels für Karls Zukunft schwer auf den Neffen zu lasten. Es gibt interessante Symbole: das Licht, die Balkontüre, den Schreibtisch, das Klavier. Sie bieten einen Blick auf den Charakter vom Onkel und vom Neffen sowie auf ihr Verhältnis zueinander. Man kann die folgende Frage stellen: Hat die Beziehung zwischen dem Helden des Romans und seinem Onkel sein Leben in Amerika beeinflusst?

Das Licht sowie die Geräusche von New York, die durch zwei Fenster und eine Balkontür in sein Zimmer eindringen, faszinieren Karl von Anfang an. Die ersten Eindrücke eines fremden Besuchers sind mit den Sinnen verbunden, vor allem die Sicht, das Gehör, der Geruch, und der Geschmack. Dem Onkel ist es aber sehr irritierend, Karl so oft auf dem Balkon zu finden. („Diese einsame Untätigkeit, die sich in einen arbeitsreichen Newyorker Tag verschaut, könne einem Vergnügungsreisenden gestattet und vielleicht, wenn auch nicht vorbehaltlos angeraten werden, für einen der hier bleiben wird sei sie ein Verderben, man könne in diesem Fall ruhig dieses Wort anwenden, wenn es auch eine Übertreibung ist“ (S. 40, Z. 31-36)). Diese Textstelle zeigt, wie die Welten vom Onkel und Neffen voneinander entfernt sind. Der Onkel hat seit Jahren die amerikanische Arbeitsethik gelernt, während Karl bloß auf die neue Umgebung reagiert. Karl versteht das sogleich und gibt diesen Genuss auf.

Ein anderes Vergnügen, das Karl auch aufgibt, ist ein amerikanischer Schreibtisch, wie Karls Vater einen zu kaufen versucht hatte, aber sich nicht leisten konnte. Diese neueste Erfindung ist mit einem Regulator ausgerüstet und man kann durch Drehen an der Kurbel die verschiedenen Fächer leicht erreichen. Aber der Onkel rät Karl, den Regulator nicht zu verwenden. Er behauptet, dass die Maschinerie sehr empfindlich ist und die Wiederherstellung sehr kostspielig wäre. Karl kapituliert, obwohl er weiß, dass solche Bemerkungen seines Onkels keine triftigen Gründe, sondern nur Ausreden sind.

Auch kauft der Onkel ein Klavier für Karl, der gern ein altes Soldatenlied von seiner Heimat spielt. Aber kaum duldet der Onkel Karls Klavierspiel und sagt auch nichts dagegen. Natürlich sucht der Neffe durch die Musik die Erinnerungen aus seiner Heimat zu genießen, während der Onkel andere Pläne für Karls Klavierspiel gemacht hat, wahrscheinlich um seine Bildung anzureichern. Karl lässt vom Klavierspiel ab, außer den Noten amerikanischer Märsche und der Nationalhymne.

Für einen Ausländer ist natürlich die Meisterung der Sprache des neuen Landes der Schlüssel zum Erfolg. Der Onkel versteht das wohl und gibt seinem Neffen die Möglichkeit, Englisch zu lernen. Jakob dingt einen jungen Professor einer Handelshochschule, um Karl Englisch zu lehren. Er kommt jeden Tag um sieben Uhr in Karls Zimmer, wo dieser an seinem Schreibtisch begierig arbeitet. Der Onkel ist sehr zufrieden mit Karls schnellem Fortschritt. Bald beginnt er Karl seinen Bekannten vorzustellen. Vorsorglich ordnet er nur für alle Fälle, dass der Englischprofessor Karl zu diesen Treffen begleitet.

Das erste sinnvolle Gespräch in einer fremden Sprache ist ein schwieriges Unterfangen, vor allem wenn die Leute nichts gemeinsam haben. Mak ist ein Millionärsohn, der Karl um halb sechs Uhr früh in der Reitschule treffen soll. Obwohl Karl nicht reiten kann, ist Mak mindestens ein junger Mann wie Karl. Mit Bedauern muss Karl schon um halb fünf aufwachen. In der Reitschule erwartet ihn der Englischprofessor. Mak kommt erst später an und das lebendige Reiten fängt nur dann an, wenn er da ist. Mak gallopiert in dem halbdunklen Saal für eine halbe Stunde, dann verabschiedet er sich von Karl in grosser Eile.Karl bittet den Onkel, den Professor von dieser Pflicht zu befreien, weil seine englische Unterhaltung mit Mak zu einfach ist.

Noch schwieriger ist eine Unterhaltung in einer fremden Sprache mit verschiedenen Leuten. Eines Tages fordert der Onkel Karl auf, mit ihm und zwei Geschäftsfreunden im Speisezimmer des Onkels zum Essen zu kommen. Sie sind die Herren Green und Pollunder. Herr Green fragt Karl nach seinen ersten Eindrücken von Amerika. Karl versucht mit nichts Lächerlichem zu antworten, aber leider lachen alle drei Herren bei einem von Karls Ausdrücken. Herr Pollunder ist sehr freundlich und fragt Karl über seinen Namen, seine Heimat und seine Schiffsreise aus. Dann erzählt er von sich selbst und von seiner Tochter. Er sagt Karl, dass er mit seiner Tochter auf einem Gutshof in der Nähe von New York wohnt. Karl wird auch wohlwollend eingeladen, Herr Pollunders Guthof zu besuchen. Der Onkel gibt Karl die Erlaubnis, diese Einladung akzeptieren zu dürfen, ohne ein Datum zu nennen. Aber schon am nächsten Tag kommt Herr Pollunder, um Karl auf sein Landgut mitzunehmen. Nachdem die zwei Männer die Einzelheiten des Besuchs diskutiert haben, eilt Karl davon, um sich fertig zu machen. Karl freut sich auf seine erste Bekanntschaft mit einem amerikanischen Mädchen!

Karl erfährt viele Schwierigkeiten in seinen Beziehungen in Amerika. Sie werden von den Symbolen illustriert. Stück für Stück gibt der junge Neffe jedes Vergnügen auf. Natürlich benachteiligt nicht nur die neue Sprache, sondern auch die ganze Lebenserfahrung Karl vis-à-vis den anderen Figuren des Kapitels - insbesondere vis-à-vis dem Onkel, der nicht nur ein langjähriger Einwohner von Amerika ist, sondern auch ein alter Verwandter, eine Autoritätsperson, die von Karls Affäre mit Johanna und von Karls Sohn, auch Jakob genannt, weiß (S. 28, Z. 5-31). Freilich wurde Karl in diesen ersten Bekanntschaften in Amerika von dem Onkel beeinflusst.




Bibliographie:
Franz Kafka, Der Verschollene, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 9688, 1997, Stuttgart, Germany. ISBN 978-3-15-009688-8.

Autor: Alvany Rocha






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