Kafka beschäftigt sich mit dem Thema des Todes in einer vielfältigen Weise. Ein Gestorbener kann die noch Lebenden zwar beeinflussen, aber man kann nicht erwarten, was nach dem Tod passiert. Die Erlebnisse der Gestorbenen sind verschlossen. Es passiert mehrmals, dass Kafka seine Untersuchung des Todes mit seiner Suche nach dem Sinn des Lebens webt und die Themen sind in vielen Geschichten verbunden. Selten erfährt der Leser, was nach dem Tod eigentlich passiert. Es ist, als ob eine Schranke zwischen dem Leben und dem Tod steht, die für immer diese Phasen teilt. Stattdessen werden Kafkas Figuren nur beschrieben, als sie sich den Tod nähert. Was danach passiert bleibt rätselhaft.

Eine kaiserliche Botschaft beschreibt den Einfluss eines Toten auf die Welt und zeigt wie schwer es ist, eine Idee richtig zu verbreiten, nachdem die Person, die es einmal sagte, nun tot ist. Ein mächtiger Monarch will irgendeine Botschaft aussenden, um entweder einen letzten Wunsch zu erfüllen, eine Idee zu verbreiten oder sogar etwas Wichtiges zu liefern. Am Ende der Geschichte ist der Kaiser gestorben aber sein Einfluss lebt noch, auch wenn der Bote in den Mauern des Palastes eingesperrt ist. Wenn er herauskommen könnte, dann scheint es, dass die Botschaft einflussreich und bedeutsam wäre. Es ist wichtig, dass in diesem Fall der Bote sein Bestimmungsziel (und auch wahrscheinlich der Kaiser sein eigenes Ziel) nie erreicht. Als Menschen können wir probieren, etwas zu kommunizieren, aber wir können nie wissen, ob etwas richtig interpretiert ist. Falls die Person, die etwas kommuniziert, schon gestorben ist, hat man dann keine Ahnung, wie die Bekommenen die Botschaft annehmen. Die Gestorbenen haben doch noch einen Einfluss auf die Lebenden, aber vielleicht nicht den beabsichtigten Einfluss.

Es gibt eine bestimmte Verbindung zwischen dem Tod und entweder dem Sinn des Lebens oder dem Vermächtnis, das man hinterlässt. Eine Interpretation von Die Sorge des Hausvaters ist, dass man nach einem Sinn sucht, der nicht zu fangen ist. Das Wort Odradek hatte ursprünglich irgendeine Bedeutung, aber es schwand durch die Jahre und wurde manchen Leuten unerkennbar. Trotzdem beschäftigt der Erzähler sich mit Odradek, als ob es etwas Wichtiges enthält. Man darf behaupten, dass Odradek diesem Sinn repräsentiert, und wie das Leben nun schwer zu verstehen und nicht definitiv ist. Am Ende erwähnt der Erzähler, dass es ihm „schmerzvoll“ ist, dass Odradek ihn überleben soll. Der Tod zerteilt einen von seinem Leben und allen seinen Erfahrungen. Der ist ein endgültiger Schlußpunkt, von dem man nie zurückkehren kann, und die Fähigkeit, zukünftigen Einfluss zu haben, ist vorbei. Deshalb beschäftigt sich der Vater damit, vor seinem eigenen Tod den Sinn hinter Odradek zu entdecken.


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Darstellung der Vereeinigung zwischen Leben und Tod. Liebe, die Energie die uns über den Tod hinausgehen lässt.



Manchmal beschreibt Kafka Figuren, die den Sinn des Lebens finden wollen. Wenn diese Leute endlich etwas Wichtiges über ihrem Leben herausfinden, treffen diese Figuren ihren Tod. In Vor dem Gesetz verbringt der Mann vom Lande fast sein ganzes Leben vor dem Tor, der ihn erlösen solle. Was hinter dem Tor liegt, sei zwar wesentlich, aber unerreichbar. Trotz seiner Unfähigkeit, hineingelassen werden zu dürfen, bleibt er bis zum seinem Tod vor dem Tor. Der Tod dieses Mannes folgt auf seine unerfolgliche Suche, fast als Konsequenz. Er lebt, um dieses Ziel zu erfüllen und, als die Unmöglichkeit dieses Wunsches offensichtlich wird, stirbt er.

Man findet ein weiteres Beispiel von der Verbindung zwischen dem Tod und der Wichtigkeit, einen Sinn in dem Leben zu finden in Das Urteil. Bevor Georg Selbstmord begeht, ist er von seinem Freund in Petersburg besessen. Es gibt viele Interpretationen von dieser Freundschaft, aber was hier bedeutungsvoll ist, ist wie zentral dieses Verhältnis zu seinem Ego ist. Er will dem Freund die Einzelheiten seines Lebens nicht mitteilen und sorgt sich sehr um seine Verantwortung für das Glück seines Freundes, der nämlich eine zerbrechliche Identität habe. Georgs Vater zerschmettert mit seinen Anschuldigungen die Perspektive, dass Georg ein treuer Freund ist und entwirrt dann Georgs Identität. Plötzlich rennt Georg bis zur Brücke hinaus und springt hinüber. Egal wie man diese Verhältnisse interpretiert, zerbricht etwas Sinnvolles in Georgs Ego, als er gegen diesen Missklang stößt. Diese Dissonanz war so stark und schmerzvoll, dass sein Leben keinen Wert mehr trägt und deshalb führt sein Schmerz Georg zum Selbstmord. Wie in Vor dem Gesetz ist die Hauptfigur von einer Idee besessen. In diesem Fall teilt ein Bruch Georg von seiner Besessenheit und er stirbt plötzlich danach. Als der Mann vom Lande akzeptiert, dass er nie die Erlaubnis bekommen wird, wird er auch von seiner Besessenheit getrennt und dann stirbt er auch. Vielleicht ist man schon gestorben, wenn man anerkennt, dass sein Leben keinen Sinn mehr enthält.

Viele Figuren Kafkas sollten am Ende der Geschichte sterben, aber die Leser erfahren den Todesmoment nicht. Manche fragen, ob die Figuren eigentlich sterben. In jedem Fall ist dieser Todesmoment Kafka bedeutsam. Niemand kann sicher sein, was nach dem Tod passiert. Man weiß nur, dass eine bestimmte Grenze dazwischenliegt, der eine lebhafte Person von einer leblosen trennt. Kafka beschäftigt sich mit der Frage von dem Sinn des Lebens und der Todesmoment beendet die Gelegenheit, dieser Frage nachzujagen. Das Vermächtnis lebt weiter, aber das Gehirn und die Kontrolle über den Einfluss, dass man auf die Welt hat, endet an diesem Zeitpunkt. Vielleicht verursacht diese Unsicherheit Angst in Kafka, weil er es so wichtig findet, ein wertvolles Leben zu erfahren. Vor dem Gesetz endet auch gleich vor dem Tod des Mannes vom Lande und der Leser ist unsicher, was danach passiert. Der Tod dauert in die Ewigkeit. Die Sorge des Hausvaters endete, als der Erzähler über seinen Tod nachdenkt. Er fragt sich, was als Nächstes passieren würde, aber er weiß nicht und es störte ihn, dass die Welt ihn überleben würde.

Interessant ist, wie Kafka den Tod in Der Fährmann behandelt. Hier hat der Leser vielleicht endlich ein Bild von dem Tod. Wenn man diese Geschichte als eine Darstellung des Lebens nach dem Tod liest, dann hat man ein schönes, friedliches Bild von dem Tod. Nach dem Erzähler war es eine große Erleichterung, dass jemand sich um ihn sorgt, und eine traumhafte Darstellung wird gemalt. Aber das ist merkwürdig, denn es gibt so vielen Angst vor dem Tod in seinen anderen Werken. Oft wird der Tod als mysteriös und unerklärlich dargestellt, und hier ist er friedlich und traumhaft. Der Grund dafür könnte sein, dass dieser Text nur ein Traum ist. Kafka spekuliert hier nicht über die Realität, sondern er träumt, wie er sich den Tod vorstellen möchte. Im Gegensatz zu den anderen Geschichten weiß hier der Leser fast nichts über die Einzelheiten des Erzählers vor seinem Tod. Eigentlich könnte es sein, dass der Erzähler selbst diese Details auch nicht weiß. Also noch einmal hatte Kafka das Leben vor und nach dem Tod deutlich geteilt. Man kann nicht gleichzeitig eine Perspektive von beiden Seiten im Kopf halten.

In Kafkas Werk gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem Tod und dem Ende von einem (vielleicht) zwecklosen Leben. Das Leben und der Tod sind für immer geteilt, denn es gibt eine unbegrenzte Barriere zwischen diesen Existenzzuständen. Man darf behaupten, dass Kafka an ein sinnvolles Leben glaubt, das irgendwo existiert, aber es ist einfach unerreichbar. Vielleicht passiert einem der Tod, wenn man die Suche aufgibt. Man könnte auch sagen, der Tod ist die Anerkennung, dass der Sinn des Lebens nicht zu verstehen ist. In jedem Fall existiert eine Dichotomie, die für immer den Tod und das Leben teilt.

Zitierte Werke:
Kafka, Franz und Höfle, Peter. Franz Kafka: Sämtliche Werke. Frankfurt Am Main: Suhrkamp Verlag, 2008.


Bildquelle:
Suzuki, Lalla. Über Leben und Tod hinaus. Digital image. N.p., n.d. Web. 30 Mar. 2016.