Die Gewalt und Bürokratie, Autorität und Macht sind wiederkehrende und verbundene Themen in Kafkas Der Prozess, die in unserer Welt relevant sind, weil wir uns immer fragen sollten, wer die Macht und Autorität über uns hat und warum, und wie die Gewalt und das Gesetz diese Autorität über uns ausüben und auf welche Weise.


Die Willkür der Gewalt ist in Kafkas Der Prozess hervorgehoben. Am Anfang an erscheint die Bürokratie in Gestalt von zwei Wächtern. Warum sind sie hier? Um K. über seine Verhaftung zu informieren. Es gibt nicht viel mehr, worüber er informiert werden könnte. Zumindest lassen die Wächter es so aussehen. Als K. fragt, warum er verhaftet ist, sagen sie, dass sie das nicht sagen können. (Und vielleicht wissen sie das überhaupt nicht.) Sie sagen ihm doch, dass sie seine Kleidung nehmen werden, und dass es wahrscheinlich „verschwinden“ und (obwohl es illegal und verboten ist) verkauft werden wird. Immer wird die wichtigste Information von ihm ferngehalten.

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Aber nicht nur ist die „ganze unterste Beamtenschaft" voll von Gesindeln“ (wie K. sie nennt) (S.76), die hohen Beamten sind immer für K, die oft unsichtbaren, „wirklich Schuldigen“ (S.79). Wie K., wir sehen nie diese hohen Beamten. Allerdings sehen wir oft untergeordnete Beamte. Am Anfang gibt es der Aufseher: Er kommt, und sein Grund, in K.s Haus zu sein, ist unklar, weil er nicht viel tut. Er ist einer von diese "Gesindeln" in die unterste Beamtenschaft. Er betrachtet K.s Papiere wie ein Polizist auf der Straße. Die Tatsache seiner Autorität ist fragwürdig auch wenn es respektiert wird. Der Aufseher gibt K. zu, dass er und seine Männer sehr wenig über ihn wissen. Er ist noch eine weitere Person, die bloss eine Arbeit macht, von der er nicht viel weiß. Das ist ein Muster unter den unteren Beamten.

Wie die Wächter ist dieser Aufseher nur ein Rädchen im Getriebe. Vielleicht ist er eine gute Person, vielleicht hat er seine eigene Individualität, aber während der Arbeitszeit darf er das nicht zeigen. Während der Arbeitszeit darf er sich nicht wie ein Mitmensch verhalten. Es erinnert an eine andere Szene im Roman, in der ein Mädchen bittet K., den Auskunftgeber zu entschuldigen. Als sie spricht von allen die Arbeiter des Gesetzes, sagt sie: „Vielleicht ist niemand von uns hartherzig, wir wollten vielleicht alle gern helfen, aber als Gerichtsbeamte bekommen wir leicht den Anschein, als ob wir hartherzig wären und niemandem helfen wollten. Ich leide geradezu darunter“ (S.64). Auch dieses Mädchen und der Auskunftgeber sind einfach Teile einer Institution voll von frustrierender Bürokratie und Gewalt und ungehemmten und unsichtbaren Autoritätspersonen. Die Gewalt, Autorität und Bürokratie verschaffen ihnen Arbeitsplätze um den Preis, dass sie für ein paar Arbeitsstunden ihr Menschsein verlieren.

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Die Androhung von Gewalt ist in allem was die Autoritätsfiguren tun. Es herrscht eine unheimliche Atmosphäre während des gesamten Romans impliziert. Von Anfang an haben wir Menschen, die auf eine oder andere Weise die Kontrolle über andere übernehmen. (Lustigerweise ist K. keine Ausnahme, da er etwas Gleiches mit Frauen macht.) Der Aufseher und die Wächter haben die Macht, in Frau Grubachs Haus einzudringen und zu gehen, wohin sie wollen - auch in das Zimmer von Fräulein Bürstner. Sie haben Autorität über den Körper von K. in mehr als einer Weise. Sie können ihn zwingen, sich auszuziehen und schlechtere Kleidung anzuziehen, und sie können ihn dazu bringen, die schlechte Kleidung auszuziehen und sich wieder besser anzuziehen. Sie können ihm sogar sagen, wie viel er sich bewegen darf. Und obwohl das komisch ist, weil er sich grundsätzlich so bewegen darf, wie er will, ist es dennoch eine Machtdemonstration. Der Zweck ist, dass sie ihm sagen können, was er tun kann. Sie haben die Autorität, das zu tun, obwohl die Leute im Roman, die Autorität haben, sie nur zufällig zu haben scheinen. Und diese Art von Kontrolle, obwohl nicht offen verletzend, ist eine Form der Gewalt.

Schon früh im Buch wird K. Zeuge, wie die beiden Wächter von dem Prügler gestraft werden. Die Strafe wird wegen K.s Kleidung gedient. Es ist eine Strafe, die unnötig hart zu sein scheint, vor allem, weil sie am nächsten Tag noch einmal geschlagen werden. In K.s Meinung (und auch in der Meinung des Prüglers) ist der Prügler ein weiteres Beispiel für jemanden in einer beruflichen Position, der einfach seine Arbeit macht. Sobald der Befehl gegeben wird, jemanden zu bestrafen, ist die Bestrafung in den eigenen Worten des Prüglers "unvermeidlich“ (S.75). Er wird ein weiteres Beispiel für eine Person, die blind macht, was er zu tun bestellt wird.


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Vielleicht hängt diese unvermeidliche Bestrafung mit der Szene zusammen, in der K. Titorellis Gemälde betrachtet und die Göttin der Gerechtigkeit sieht. Er beschreibt sie mit einer „Binde um die Augen“. Aber sie ist nicht nur die Göttin der Gerechtigkeit, sondern auch die Göttin des Sieges und später noch scheint sie Göttin der Jagd zu sein. In seinem Fall und im Fall der Gewalt und Ordnung um ihn herum scheint es, dass Gerechtigkeit oft blind und vielleicht nicht gerecht ist. Auf einige Weise ist K. auch blind, weil er nicht kann nicht finden, einer Person, zu wem er direkt Schuld geben könnte. Es scheint als ob wir (wie K.) niemals jemanden sehen, von dem wir wissen, dass wirklich und ohne Frage verantwortlich ist. K.s Welt besteht aus Schatten und Licht--aus Unklarheit.


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Wie im ersten Bild, diese "hohen Beamten" scheint als ob sie nur schattenhafte Figuren sind. Quelle.

Als Leser hat man das Gefühl von Strafen, die strenger als notwendig sind, und auch von einem System, das ungerecht ist. Das lässt man über die Figur von Javert von Les Miserables nachdenken. Das Gemälde von Javert auf dem folgenden Bild nennt ihn "Sklave des Gesetzes". In Les Miserables ist die Figur von Javert genau das. Er ist ein Polizeiinspektor, der von einer idyllischen Vorstellung des Gesetzes und seiner Arbeit überzeugt ist. Er jagt besessen Jean Valjean, von dem er glaubt, dass er ein schlechter Mann ist, weil er zweimal etwas gestohlen hat. Aus seiner Perspektive eine Person, die stiehlt, nie gut sein kann, weil es unmöglich ist, dass ein Verbrecher etwas gut machen kann, oder, dass ein Verbrecher eine gute Person ist.


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Bildquelle: "Javert - A Slave of the Law" von Kc-Eazyworld

Für Javert sind Gesetz und Moral ein und dasselbe. Am Ende ergibt sich Jean Valjean. Er macht das, weil er einem Jungen helfen will, dessen Leben gefährdet ist. Javert verhaftet Jean Valjean nicht. Javert kann das überhaupt nicht verstehen: Jean Valjean hat ein Verbrechen begangen, aber er hat auch viele gute Taten vollbracht. Am Ende hat auch Javert etwas Gutes getan, als er Jean Valjean frei ließ, aber dadurch ist er auch ein Verbrecher geworden. Weil er es alles nicht begreifen kann, bringt er sich um. Das System von Gerecht und Gewalt in der Welt von Javert ist nicht ganz anders als das in der Welt K.s. Die Strafen sind extrem. Die Agenten des Systems müssen strikte und begrenzte Perspektiven haben. Wenn sie solche Perspektiven nicht haben, dann zeigen sie dass nicht. In einem System wie diesem verliert man seine Menschlichkeit.

Diese Beispielen erinnern auch an das berühmte Milgram-Experiment. Bei diesem Experiment wurde den Menschen befohlen, einen Knopf zu drücken, von dem sie annahmen, dass sie Elektroschocks an eine Person in einem anderem Zimmer gesendet haben. In dem anderem Zimmer wird eine Person "geschockt". Diese Person, ein Schauspieler (im folgenden Diagramm "Schüler"), gab vor, Schmerzen zu haben. Die Leute (im Diagramm "Versuchsperson") wurden diese Person "vor Schmerz" (oder so dachten sie) schreien hören. Diese Versuchspersonen haben wirklich geglaubt, dass sie jemanden verletzten und oft waren sichtlich unglücklich oder nervös oder unangenehm, aber sie machten es trotzdem, nur weil jemand (im Diagramm "Versuchsleiter") mit irgendeiner Form von Autorität das ihnen befohlen hat. Die Autorität des Versuchsleiters war nicht unbedingt real. Es war ein Experiment, und die Versuchsperson hätte jederzeit aufhören können, aber oft machten Leute das nicht. Stattdessen akzeptierten sie schnell akzeptierte Autorität und taten Dinge, die sie nicht tun wollten. Ich glaube, dass keiner von diesen Versuchspersonen sagen würde, dass er "hartherzig" sei. Man macht Dinge, wenn man befiehlt ist, egal was man will.. In der Welt von Der Prozess ist es genau so.

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Bildquelle: http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/experimentbspmilgram.html

Kafka bittet uns, mit diesen Beispielen von Gewalt, Autorität, Kontrolle und Gesetz über unsere Weltordnung/en zu denken. Wem geben wir Macht? Wie geben wir sie? Und warum? Wie sehr und wie tief glauben wir an Ordnung? Wie weit werden wir gehen, um unseren Ordnungssinn zu behalten?


Franz Kafka, Der Prozess, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M, 1991