von Kate Kelley

In vielen Texten Kafkas bestehen alternative Dimensionen, in denen die Zeit und der Raum ohne Ende weitergehen. In diesen Dimensionen, die unendlich fern zu sein scheinen, gibt es normalerweise Figuren, die auch keine zeitlichen oder räumlichen Einschränkungen erleben. Wenn es diese alternativen Dimensionen im Text gibt, offenbaren sie den Lesern etwas über den Sinn oder die Sinnlosigkeit, den Zweck oder die Zwecklosigkeit des Lebens. In manchen Texten gibt es eine Figur, die an diese andere Welt denkt, und dadurch setzt sie sich mit den großen Fragen unseres Lebens auseinander. Oft haben die Geschichten Paradoxe zwischen der Fantasie und der Realität, der Zeitlosigkeit und dem bevorstehenden Tod. Im Folgenden lege ich ein paar Beispiele von Kafkas zeitlosen Dimensionen vor, die zeigen, dass die Zeitlosigkeit eine tiefe Verbindung mit den großen Fragen unseres Lebens hat, wie zum Beispiel was nach unserem Tod passieren wird.

Am Anfang der Parabel „Eine kaiserliche Botschaft“ gibt es einen Kaiser, der auf seinem Sterbebett ist. Nachdem er einem Boten eine heimliche Botschaft gibt, macht sich der Bote gleich auf den Weg, um „dir“ die Botschaft auszuliefern. Es ist klar durch diese lange Reise, dass der Bote nie bei dir ankommen wird, weil die Reise unmöglich weit und schwer ist. Aber der Bote ist „unermüdlich“, er geht durch die Menge „wie kein anderer“, und er könnte diese Reise „durch Jahrtausende“ fortsetzen (KB 860-861). Der Bote ist deshalb kein normaler Mann, wie der sterbende Kaiser oder „du“, der du an deinem Fenster sitzt und wartest. Es scheint, als ob zwei verschiedene Dimensionen existieren, die mit einander interagieren können, aber die getrennt sind. Als wir an „du“ am Ende des Texts erinnert werden, bringt es den Leser aus der sonderbaren Welt des Boten wieder zu unserer Realität, in der normale Zeit besteht, in der „du“ auf den Abend wartest. Der Kaiser hat eine Botschaft für dich, aber sie wird nie bei dir ankommen, solange du wartest, ohne an die unmögliche Reise des Boten zu denken. Der Kaiser, der am Ende der Geschichte tot ist, und der Bote wissen etwas, was du nie wissen wirst. Die Botschaft existiert jetzt nur in dieser zeitlosen Dimension, zu der du keinen Zugang hast.
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"Franz Kafka" by Ellen Pater

Die Parabel „Vor dem Gesetz“ beschreibt eine weitere Dimension, worin ein Mann jahrelang auf die Erlaubnis eines Türhüters wartet, in das Gesetz einzutreten. Im Gesetz existiert diese zeitlose Dimension, deren Raum unendlich scheint. Nach dem ersten Saal stehen vermutlich weitere Säle mit zusätzlichen Türhütern, die nie zu veralten scheinen. Durch die Jahre verändert sich der Mann, er wird alt, während er sitzt und auf den Eintritt wartet, und er stellt verschiedene Fragen an den Türhüter. Aber das Gesetz und der Türhüter verändern sich nicht. Es scheint, als ob sie immer da waren und für immer da sein werden. Obwohl der Türhüter neben ihm ist, ist der Mann ganz allein in seiner Bedrängnis, weil er nicht weiß, was geschehen wird—wird er jemals in das Gesetz? Als der Mann am Ende des Texts tot ist, bemerkt der Türhüter, dass er „schon an seinem Ende ist“—aber der Türhüter selbst hat kein Ende (VdG 854). Im Verlauf des Texts scheint die Wartezeit unmöglich lang, aber als der Türhüter sagt, „Ich gehe jetzt und schließe ihn [den Eingang des Gesetzes]“, bringt das Wort „jetzt“ den Leser plötzlich aus der fantastischen Dimension und erinnert uns an die Zeit (VdG 854). In seinem Leben versteht der Mann das Gesetz nicht. Die ganze Zeit, die er wartete, verstand er diesen Ort nicht, wo die Zeit und der Raum sich endlos dehnen, und er stirbt ohne solches Verständnis.

Der sehr kurze Text „Das nächste Dorf“ ist ein weiteres Beispiel von Kafkas alternativen Dimensionen und wie die Figuren sich mit diesen Dimensionen befassen. Im Text hat der Großvater des Erzählers Angst vor einem Ritt zum nächsten Dorf, dass es nicht genug Zeit zu hinreichen gibt. Es scheint, als ob ein junger Mensch hat genug Zeit, aber der Großvater nicht. Manchmal sind die Zeit und der Raum in Kafkas Geschichten für verschiedene Figuren andersartig, zum Beispiel der Abstand zum Dorf für den Großvater und den jungen Mensch. In diesem Text und auch in der Geschichte „Eine kaiserliche Botschaft“ sind die älteren Männer, die dem Tod nahe sind, auch in der Nähe vom Verständnis dieser alternativen Dimensionen. In ihrem Alter haben sie ein besonderes Kenntnis der Zeit, wie kurz das Leben ist, und wie groß die Welt ist.

In Kafkas Text „Die Sorge des Hausvaters“ denkt auch der Hausvater an eine alternative Dimension. Der Mann betrachtet das Wesen oder das Gebilde Odradek und Odradeks Fähigkeit, für immer zu leben oder mindestens ihn zu überleben. In diesem Text gibt es keinen Ort, wo die alternative Dimension besteht, wie das Gesetz in „Vor dem Gesetz“ oder das Dorf in „Das nächste Dorf“, sondern die Anwesenheit Odradeks repräsentiert die Möglichkeit einer zeitlosen Dimension, deren Zeit und Raum unendlich wären. Während der Hausvater und seine Kinder in der normalen Zeit leben, lebt Odradek in demselben Haus, aber in einer alternativen zeitlosen Dimension. Er verändert sich nicht, er scheint nicht zu altern, manchmal scheint er wie ein lebloses Objekt; aber er kann in verschiedenen Teile des Hauses auftauchen und auch mit den Hausbewohnern sprechen. Selbst das Wort „Odradek“ scheint zeitlos, da niemand weiß, woher es stammt, ob es slawisch oder deutsch ist. Diese Geschichte ist ein weiteres Beispiel dafür, dass man sich auch mit diesen unendlichen Dimensionen und den großen Fragen des Lebens auseinandersetzt, wenn man an den Tod denkt. Was wird geschehen, wenn ich sterbe? Was wird meinen Kindern passieren? Es ist „fast schmerzlich“, wenn der Hausvater daran denkt, dass Odradek ihn überleben könnte (DSdH). Wie für den Großvater in der Geschichte „Das nächste Dorf“ ist es für den Hausvater schwer, an die vergehende Zeit zu denken. Der Hausvater begreift wegen Odradek, dass die Zeit fortbesteht und dass seine Kinder und Kindeskinder noch leben werden, auch wenn er nicht mehr da ist.

Diese Erkenntnis des Hausvaters erfahren auch Figuren in den anderen Texten. Einige Figuren, wie der Großvater von „Das nächste Dorf“ und der Kaiser von „Eine kaiserliche Botschaft“, begreifen etwas, was die anderen Figuren sich nicht vorstellen können. Die zeitlosen Dimensionen, mit denen die meistens alten Männer sich auseinandersetzen, werfen Fragen über die Sinnlosigkeit oder Zwecklosigkeit des Lebens auf. Die Form von Odradek ist „sinnlos“ aber „abgeschlossen“; der Bote reist mit der Botschaft weiter, ohne eine Möglichkeit, sie zu liefern; und jeder Türhüter steht im Saal, obwohl niemand kommt. Für diese Figuren, die in diesen Dimensionen funktionieren, ist das Leben vielleicht zwecklos. Trotzdem oder gerade deswegen leben sie ohne Rücksicht auf die Zeit. Manche von Kafkas Figuren, oft wenn sie sehr alt oder dem Tod nahe sind, denken an die Frage vom Zweck des Lebens durch eine Erkenntnis dieser alternativen Dimensionen. Und während wir die Geschichten Kafkas lesen, denken wir vielleicht auch an diese großen Fragen und die Sachen, die wir nie genau verstehen können, wie etwa wie das Leben und die Welt nach unserem Tod sein werden.


Literaturhinweise:

http://www.haaretz.com/jewish/books/kafka-s-search-for-lost-time.premium-1.480676

Church, Margaret. "Time and Reality in Kafka's The Trial and The Castle." Twentieth Century Literature 2.2 (1956): 62-69. Web.

Kafkapedia. "Georg Bendemanns Freund in Petersburg".


Zitierte Werke:

Kafka, Franz, und Peter Höfle. Sämtliche Werke. Frankfurt, M: Suhrkamp Verlag, 2008.