Inhaltsverzeichnis


1 Zusammenfassung von Kapitel III

Nach einer langen Autofahrt treffen Herr Pollunder und Karl an Herrn Pollunders Landhaus ein, das sich in einem Vorort von New York City befindet. Bei Dunkelheit betrachtet Karl das Haus von außen. Es scheint ihm riesig zu sein, obwohl er nicht erkennen kann, wie viele Stockwerke es hat, denn nur der untere Teil ist beleuchtet. Klara, Herrn Pollunders Tochter, steht draußen vor dem Haus und begrüßt die beiden. Herr Pollunder stellt ihr Karl vor. Karl und Klara sind vermutlich Altersgenossen, beide Teenager. Klara scheint glücklich, Karl als Gast zu haben.

Klara teilt ihrem Vater und Karl mit, dass Herr Green soeben angekommen sei. Sowohl Karl als auch Herr Pollunder werden von dieser Nachricht überrascht. Herr Pollunder ärgert sich darüber und sagt:

Es nützt nichts nur knapp außerhalb Newyorks zu wohnen, von Störungen bleibt man nicht verschont. Wir werden unseren Wohnsitz noch weiter verlegen müssen (55).

Karl, Herr Pollunder und Klara betreten das Haus und werden von Herrn Green begrüßt. Alle vier gehen in den Speisesaal. Herr Green sagt Karl, dass er etwas überrascht ist, dass sein Onkel ihm die Erlaubnis erteilt hat, Herrn Pollunder zu besuchen bzw. bei ihm zu übernachten. Karl ist verärgert über Herrn Greens Bemerkung. Während des Abendessens fühlt sich Karl sehr unbehaglich, verliert seinen Appetit und isst wenig. Herr Green flirtet mit Klara vor den Augen Karls und Herrn Pollunders. Herr Green berührt sogar Klaras Gesicht. Herr Pollunder macht Herrn Green keine Einwände. Klara scheint, dieses Flirten zu genießen.

Herr Green wirft Karl sein Nichtessen vor. Er scherzt, dass er Karls Onkel erzählen werde, wie er Klara durch sein Nichtessen gekränkt habe.

Während des Abendessens verhalten sich Klara und Herr Pollunder auf sehr nette und höfliche Weise gegenüber Herrn Green. Karl fragt sich nach dem Abendessen, warum sich ihre frühere feindselige und unfreundliche Einstellung gegenüber Herrn Greens Anwesenheit so stark verändert hat.

Karl denkt, dass er früher Klara nicht besonders hübsch gefunden hat. Aber jetzt bemerkt er, dass Klaras Gesicht schöner geworden ist, jetzt, wo Herr Green mit ihr flirtet und sie lächelt. Nichtsdestoweniger denkt Karl, dass er sich nicht für sie interessiert, und dass er sogar die Gelegenheit ablehnen würde, auf ihr Zimmer geführt zu werden. Er denkt, dass er lieber sofort zum Haus seines Onkels zurückfahren möchte. Er stellt sich vor, wie gut es wäre, an seinem Haus früh am Morgen anzukommen und ihn mit seiner unerwarteten Anwesenheit zu überraschen. Vielleicht würde er die Gelegenheit haben, zum ersten Mal mit ihm zu frühstücken. Er stellt sich vor, dass er bei diesem Frühstück die Gelegenheit haben würde, offener und redlicher mit ihm als üblich zu sprechen; dass sein Ungehorsam ihm gegenüber (indem er darauf beharrt hat, bei Herrn Pollunder zu übernachten) auf den Mangel an offenen Gesprächen zwischen ihnen zurückzuführen sei; dass dieser bedauernswerte Besuch zu einem "Wendepunkt zum Bessern in dem Verhältnis" zu ihm führen könnte; und dass sich sein Onkel wohl gleichzeitig ähnliche Gedanken über ihn mache.

Klara ahnt, dass sich Karl im Haus unwohl fühlt und sofort nach Hause zurückkehren will. Sie versucht, ihn aufzumuntern. "Kommen Sie, ich will den letzten Versuch machen". Sie beschließt, ihn zu seinem Schlafzimmer zu bringen, und die beiden verlassen den Speisesaal, der noch von Herrn Pollunder und Herrn Green besetzt ist. Als sie ihn im riesigen alten Haus herumführt, ist er beeindruckt.Im Flur steht alle zwanzig Schritte ein Diener mit einem Kerzenleuchter in der Hand, weil laut Klara die elektrische Verdrahtung bis zu diesem Zeitpunkt lediglich im Speisesaal installiert worden sei. Sie zeigt ihm die Tür seines Schlafzimmers, und er sagt, dass er sich das Schlafzimmer anschauen möchte. Aber sie erklärt ihm, dass er sie sofort auf ihr Zimmer begleiten müsse und sich das Schlafzimmer erst später ansehen dürfe. Er missachtet ihre Aufforderung und betritt das Schlafzimmer trotzdem. Sie regt sich auf und betritt das Zimmer auch, wo sie ihn tadelt und so stark in die Brust stößt, dass er fast aus dem Fenster stürzt.
Klara kam eilends herein. Sichtlich böse rief sie: »Was soll denn das?« und klatschte auf ihren Rock. Karl wollte erst antworten, wenn sie höflicher geworden war. Aber sie ging mit großen Schritten auf ihn zu, rief: »Also wollen Sie mit mir kommen oder nicht?« stieß ihn mit Absicht oder bloß in der Erregung derart in die Brust, daß er aus dem Fenster gestürzt wäre, hätte er nicht noch im letzten Augenblick, vom Fensterbrett gleitend, mit den Füßen den Zimmerboden berührt.

»Jetzt wäre ich bald hinausgefallen«, sagte er vorwurfsvoll. (63-64)

Klara meint, dass es besser gewesen wäre, wenn Karl tatsächlich aus dem Fenster gefallen wäre.
»Schade, daß es nicht geschehen ist. Warum sind Sie so unartig! Ich stoße Sie noch einmal hinunter.«

Und wirklich umfaßte sie ihn und trug ihn, der, zuerst verblüfft, sich schwer zu machen vergaß, mit ihrem vom Sport gestählten Körper fast bis zum Fenster.

Karl wehrt sich. Er befreit sich, indem er sich mit einer Wendung der Hüften losmacht. Jetzt dreht er den Spieß um und umfasst sie, aber Klara wehrt sich, kommt schnell frei, und benutzt eine Kampftechnik (wohl Jiu-Jitsu) um Karl gegen die Wand zu treiben. Mit ihm fest in im Griff, legt sie ihn auf ein Kanapee und sagt:
»Jetzt rühr dich, wenn du kannst.«

Sosehr er es auch versucht, kann sich Karl nicht aus ihrem Griff befreien. Vor Wut und Scham ruft er:
»Du bist ja wahnsinnig, du tolle Katze!«

Klara fängt an, Karl zu erwürgen. Er schnappt nach Luft. Sie droht, ihn zu ohrfeigen.

Wie wäre es … wenn ich dich zur Strafe für dein Benehmen einer Dame gegenüber mit einer tüchtigen Ohrfeige nach Hause schicken wollte?
Klara erklärt jetzt, warum sie so entsetzt ist:

Aber warum bist du auch so gegen mich gewesen? Gefalle ich dir vielleicht nicht? Lohnt es sich nicht, auf mein Zimmer zu kommen?

Klara demütigt Karl vollständig, indem sie Folgendes sagt:

Im übrigen will ich dich noch darauf aufmerksam machen, daß du, wenn ich dich ungeohrfeigt loslasse, nicht glauben mußt, daß deine jetzige Lage und wirkliches Geohrfeigtwerden vom Standpunkt der Ehre aus das gleiche sind. Solltest du das glauben wollen, so würde ich es doch vorziehen, dich wirklich zu ohrfeigen.
Dann lässt sie ihn los.

Obwohl sie ihn physich besiegt und psychisch vollständig gedemütigt hat, versucht sie jetzt mit ihm Frieden zu schließen, indem sie ihn einlädt, später auf ihr Zimmer zu kommen, um ihr auf dem Klavier vorzuspielen. Sie sagt ihm, sie werde vorläufig ihrem Vater von diesen Vorfall nichts sagen.

Karl ist durchaus erschrocken. Er sagt zu sich selbst später im Kapitel, dass Klara sein “Feind” ist. Karl findet es jetzt unerträglich, im Haus zu bleiben. Er macht sich nun auf den Weg zum Speisesaal, um Herrn Pollunder zu sagen, dass er sofort nach Hause fahren möchte.

In den nächsten Seiten des Textes wandert Karl durch die riesigen dunklen Flure des Hauses, mit nur einer kleinen Kerze in der Hand als Beleuchtungsmitte. Er trifft einen Diener, der einen Kerzenleuchter hält und ihm mitteilt, zu seiner Überraschung, dass das Haus eigentlich Herrn Mack gehört, und dass Herr Mack Klaras Verlobter ist. Der Diener hilft Karl, den Speisesaal zu finden, in dem Herr Pollunder und Herr Green trinken und Zigarren rauchen. Er macht Herrn Pollunder seinen Wunsch bekannt, das Haus zu verlassen und heimzufahren, und erklärt seine Gründe: er wäre seinem Onkel gegenüber ungehorsam gewesen und bereue jetzt diesen Ungehorsam. Sein Onkel habe ihm die Erlaubnis zu diesem Besuch nur ungern gegeben. Karl habe seine Liebe zu ihm “missbraucht”. Er sei “auf die Güte [seines] Onkels angewiesen,” solange seine Englischstudien nicht abgeschlossen seien und er noch keinen Beruf gelernt habe. Er habe jetzt keine Möglichkeit, zu studieren, wie er möglicherweise gehabt hätte, wenn er in Europa geblieben wäre. Daher sei die Erziehung, die er bei seinem Onkel empfängt, äußerst wichtig für seine Zukunft.

Herr Pollunder sagt ihm, dass er ihn nicht sofort nach Hause fahren könne. Er schlägt aber vor, dass Karl mit dem Zug fährt. Es wird vereinbart, dass ihn ein Diener zum Bahnhof begleitet.

Herr Green sagt Karl, er müsse sich von Klara verabschieden, bevor er sich auf den Weg nach New York machen dürfe. Herr Pollunder stimmt Herrn Green zu.

Es ist jetzt 23.15 Uhr. Herr Green informiert Karl, dass er beauftragt worden sei, Karl eine wichtige Botschaft zu überbringen, aber er dürfe dies nicht vor Mitternacht tun. Er fordert Karl auf, die nächsten 45 Minuten bei Klara zu verbringen. Dann solle Karl pünktlich um Mitternacht zurück sein, um diese Botschaft zu empfangen.

»Gehen Sie also vorerst«, fuhr Herr Green fort, »zu Fräulein Klara. Das dürfte Ihnen sicher Vergnügen machen und paßt auch sehr gut in meine Zeiteinteilung hinein. Ich habe Ihnen nämlich tatsächlich, ehe Sie von hier fortgehen, etwas Interessantes zu sagen, was wahrscheinlich auch für Ihre Rückkehr entscheidend sein kann. Nur bin ich leider durch höheren Befehl gebunden, Ihnen vor Mitternacht nichts zu verraten. Sie können sich vorstellen, daß mir das selbst leid tut, denn es stört meine Nachtruhe, aber ich halte mich an meinen Auftrag. Jetzt ist es viertel zwölf, ich kann also meine Geschäfte noch mit Herrn Pollunder zu Ende besprechen, wobei Ihre Gegenwart nur stören würde, und Sie können ein hübsches Weilchen mit Fräulein Klara verbringen. Punkt zwölf stellen Sie sich dann hier ein, wo Sie das Nötige erfahren werden.«

Karl will Klara nicht mehr sehen, weil er sie als seinen “Feind” und als “gefährlich” betrachtet. Aber er glaubt, er kann sich nicht weigern, Herrn Pollunders Aufforderung Folge zu leisten.

Herr Green öffnet die Tür und sagt dem Diener, er solle Karl auf Klaras Zimmer bringen. Klara sieht Karl auf dem Flur vor ihrer Tür und wirft ihm vor, dass er mit erheblicher Verspätung kommt, denn es ist schon knapp nach 23 Uhr 30. Sie lädt ihn ein, Klavier zu spielen. Karl spielt ein Soldatenlied, und dann hört er ein Händeklatschen, das vom Raum nebenan kommt. Es stellt sich heraus, dass Herr Mack, Karls Fechtlehrer und der Verlobte Klaras, im Raum nebenan ist. Mack sagt Karl, er spiele sehr gut und ermutigt ihn, noch mehr Lieder für Klara zu spielen. Er entschuldigt sich, dass er leider selbst nicht länger bleiben könne.

Bevor Karl die Möglichkeit hat, ein weiteres Lied zu spielen, ertönen es zwölf Uhrschläge rasch hintereinander. Er verabschiedet sich und eilt zu Herrn Green hinunter.

Herr Green gibt Karl einen Umschlag, in dem sich ein Brief von seinem Onkel befindet. Sein Onkel schreibt, dass er jeden Kontakt mit Karl abbrechenen wolle, weil sich Karl gegen seinen Willen dafür entschieden habe, bei Herrn Pollunder zu übernachten. Er sei “ein Mann von Prinzipien”, und Karls Entscheidung laufe diesen Prinzipien zuwider. Er schreibt:

»Geliebter Neffe! Wie Du während unseres leider viel zu kurzen Zusammenlebens schon erkannt haben wirst, bin ich durchaus ein Mann von Prinzipien. Das ist nicht nur für meine Umgebung, sondern auch für mich sehr unangenehm und traurig, aber ich verdanke meinen Prinzipien alles, was ich bin, und niemand darf verlangen, daß ich mich vom Erdboden wegleugne, niemand, auch Du nicht, mein geliebter Neffe, wenn auch Du gerade der Erste in der Reihe wärest, wenn es mir einmal einfallen sollte, jenen allgemeinen Angriff gegen mich zuzulassen. Dann würde ich am liebsten gerade Dich mit diesen beiden Händen, mit denen ich das Papier halte und beschreibe, auffangen und hochheben. Da aber vorläufig gar nichts darauf hindeutet, daß dies einmal geschehen könnte, muß ich Dich nach dem heutigen Vorfall unbedingt von mir fortschicken, und ich bitte Dich dringend, mich weder selbst aufzusuchen noch brieflich oder durch Zwischenträger Verkehr mit mir zu suchen. Du hast Dich gegen meinen Willen dafür entschieden, heute Abend von mir fortzugehen, dann bleibe aber auch bei diesem Entschluß Dein Leben lang; nur dann war es ein männlicher Entschluß. Ich erwählte zum Überbringer dieser Nachricht Herrn Green, meinen besten Freund, der sicherlich für Dich schonende Worte genug finden wird, die mir im Augenblick tatsächlich nicht zur Verfügung stehen. Er ist ein einflußreicher Mann und wird Dich, schon mir zuliebe, in Deinen ersten selbständigen Schritten mit Rat und Tat unterstützen. Um unsere Trennung zu begreifen, die mir jetzt am Schlusse dieses Briefes wieder unfaßlich scheint, muß ich mir immer wieder neuerlich sagen: Von Deiner Familie, Karl, kommt nichts Gutes. Sollte Herr Green vergessen, Dir Deinen Koffer und Deinen Regenschirm auszuhändigen, so erinnere ihn daran. Mit besten Wünschen für Dein weiteres Wohlergehen.

Dein treuer Onkel Jakob.« (85-86)

Karl beschließt, das Haus sofort zu verlassen. Aber zunächst will er etwas von Herrn Green wissen. Auf dem Umschlag steht geschrieben, dass Karl den Umschlag erst nach Mitternacht erhalten soll, wo auch immer er sich um diese Uhrzeit befindet. Karl wirft Herrn Green vor, er sei Schuld, dass er den Termin versäumt hat. Wenn er um 23 Uhr 15 das Haus verlassen hätte, wie er es eigentlich wollte, wäre er bei seinem Onkel angekommen, bevor Herr Green die Gelegenheit gehabt hätte, ihm den Brief zu übergeben. Oder Karl wäre sogar vielleicht am Haus des Onkels vor Mitternacht angekommen. In beiden Fällen hätte er seinen Onkel gesehen, bevor er den Brief bekommen hätte. Vermutlich hätte sein Onkel die ganze Sache überdacht und sich anders entschlossen, weil sich Karl vor Mitternacht auf den Weg zurück zu ihm gemacht hätte, bevor er den Brief empfangen hätte.



Herr Green will kein Wort mehr von Karl hören und schiebt ihn durch eine kleine Tür aus dem Haus. Karl “wählt … eine beliebige Richtung und macht sich auf den Weg.”


2 Themen

Ist dieses Kapitel ein Märchen? [zurück nach oben]
Laut Duden ist ein Märchen eine “im Volk überlieferte Erzählung, in der übernatürliche Kräfte und Gestalten in das Leben der Menschen eingreifen und meist am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden". Dieses Kapitel weist bestimmte Merkmale eines Märchens auf, obwohl hier die gute und unschuldige Hauptfigur, Karl Roßmann, ungerecht bestraft wird und die Bösen, Herr Green und Karls Onkel, ungeschoren davonkommen. Daher würde man eher sagen, es handelt sich hier um ein “Anti-Märchen”. Das heißt, Kafka nimmt die literarische Form eines Märchens, aber gestaltet das Ende um, um seine Botschaft über die Welt zu liefern: Der Mensch ist vielen willkürlichen Mächten ausgesetzt, und er muss trotzdem mit all dieser Absurdität irgendwie fertigwerden. Das Kapitel hat folgende Merkmale eines Märchens:

●Eine Prüfung, die die Hauptfigur zu bestehen hat, damit er beweist, dass er gut genug oder würdig ist. Nach Märchenatlas.de ist einer der “Bausteine [eines Märchens] das Lösen einer schwierigen Aufgabe bzw. das Bestehen einer Prüfung.” In diesem Fall ist die Prüfung, ob Karl vor Mitternacht einsieht, dass er zu seinem Onkel zurückkehren sollte. In diesem Kapitel, fällt Karl bei der Prüfung durch. Wie bei dem Märchen Aschenputtel ist Mitternacht der Termin. Kafka beschreibt also ein Märchen, wobei das normale Happy End fehlt. Dies passt perfekt zu Kafkas Stil, der eher die Absurdität der Welt und die Willkür betont. Überdies wird Karl bestraft, obwohl er sich wirklich bemüht hat, sich vor Mitternacht auf den Weg zurück zu seinem Onkel zu machen. Er wird bestraft, nicht weil er sich irgendwie unverantwortlich verhalten hat, sondern weil Herrn Greens absichtlich eingreift, damit Karl in der Prüfung durchfällt. Die Prüfung war unfair, wie das Leben selbst.

●Unrealistische oder übertriebene Elemente. Das Haus ist riesig, wie ein Schloss. Am Anfang des Kapitels kann Karl nicht einmal schätzen, wieviele Stockwerke das Haus hat, weil es zu dunkel draußen ist und das Haus unbeleuchtet ist. Dies gibt dem Leser den Eindruck, dass das Haus etwa irreal oder zauberhaft ist, oder das es wie ein Schloss ist.

●Drinnen ist das Haus zum größten Teil unbeleuchtet. Karl wandert um das zum größten Teil unbeleuchtete Haus herum, und muss im Dunkeln tappen, um von einem Teil des Hauses zum anderen zu gehen. Das Haus scheint also wie etwas Fantastisches, als wäre es ein Labyrinth aus einem Mythos oder einem Horrorfilm. Es erinnert an die dunklen Wälder durch die verschiedene Märchenfiguren wie z.B. Hänsel und Gretel oder Rotkäppchen umherstreifen.


Ist dieses Kapitel ein Traum? [zurück nach oben]
Es gibt verschiedene traumhafte Elemente in diesem Kapitel. Nach dem Psychologen und Traumforscher John Allan Hobsonhaben Träume die folgenden Eigenschaften, u.a.:

(1) Träume bieten oft intensive oder extreme Emotionen dar, auch wenn das tägliches Leben der Träumer emotional nicht intensiv oder langweilig ist. Die Emotionen, die am häufigsten vorkommen, sind Angst, Terror und Überraschung.

(2) Träume sind oft unorganisiert und unlogisch.

(3) Wir akzeptieren den unorganisierten und unlogischen Inhalt des Traums, als wäre er logisch und normal.

In diesem Kapitel werden die folgenden Merkmale eines Traumes aufgezeigt:

●Das Haus scheint von Anfang an ein zauberhafter und irrealer Ort zu sein. Bei seiner Ankunft kann Karl nicht schätzen, wie viele Stockwerke das Haus hat. Das Haus scheint unendlich groß zu sein. Drinnen ist das Haus angsterregend, weil es extreme dunkel und riesig ist. Es weht dauernd ein Zug durchs Haus.

●Die Handlung ist unlogisch bzw. unrealistisch.

○Am Anfang des Kapitels sind Klara und Herr Pollunder gegenüber Herrn Green feindselig gesinnt. Aber ihre Einstellungen verändern sich ohne Erklärung im Zeitablauf.

○Die Ursache für den gewalttätigen Vorfall mit Klara bleibt unerklärt. Wir wissen nicht, was sie motiviert hat.

○Es ist unlogisch, dass nach dem Vorfall Klara Karl gegenüber noch freundlich gesinnt ist. Obwohl er traumatisiert ist, verhält sie sich, als wäre gar nichts passiert.

○Der Brief von Karls Onkel ist einfach unglaublich und irrwitzig. So was würde nur in einem Traum passieren. Kein Mensch würde sich tatsächlich von seinem Neffen per Brief verabschieden oder ihn wegen so einer unwichtigen Bagatelle so gemein und unverzeihend behandeln.

●Es gibt mehrere Überraschungen:

○Karl findet plötzlich heraus, dass Herr Mack Klaras Verlobter ist und dass das Haus ihm gehört.

○Herr Mack ist plötzlich im Nebenzimmer und klatscht Beifall, als Karl Klavier spielt.

○Der Brief des Onkels war eine komplette Überraschung.

●Karls Reaktion auf den Brief ist unrealistisch. Er akzeptiert das, was seinen Onkel schreibt, ohne es zu hinterfragen. Warum nimmt Karl an, dass der Brief tatsächlich von seinem Onkel stammt? Vielleicht hat der Onkel sich die Sache anders überlegt, seitdem er den Brief geschrieben hat. Vielleicht könnte Karl seinen Onkel überreden, ihm noch eine Chance zu geben. Aber nein-- Karl betrachtet den Inhalt des Briefes als endgültig, obwohl die Situation komplett bizarr und unrealistisch ist.


Die Willkür [zurück nach oben]
Ein Thema des Romans, wie in vielen Romanen Kafkas, ist der Willkür. Das heißt, viele seiner Werke behandeln das Thema, dass das Individuum oft willkürlich behandelt wird, entweder von anderen Menschen oder von Regierungen oder anderen Mächten, ohne schuldig zu sein. Hier wird Karl Roßman, eine komplett unschuldige Figur, von seinem Onkel unfair und willkürlich behandelt. Karl hätte nicht wissen können, dass sein Onkel so reagieren würde, wenn er bei Herrn Pollunder übernachtet.

Der Roman ist voller solche Beispiele für Willkür. Zum Beispiel wird in Kapitel I der Heizer ganz willkürlich behandelt. Karl auch, denn seine Eltern haben ihn weggeschickt, obwohl er erst sechzehn Jahre alt war. Später im Kapitel IV wird Karl entlassen, ohne dass sein Arbeitgeber gute Gründe für seine Entlassung hat.

Vergewaltigung [zurück nach oben]

Die Szene, in der Karl mit Klara ringt, erinnert an eine Vergewaltigung. Wortwörtlich vergewaltigt sie ihn natürlich nicht, weil kein Sexakt erfolgt ist. Aber die Szene ist ziemlich erotisch, und in dieser erotischen Situation will sie die Oberhand haben. Sie will Karl dominieren und demütigen. Daher könnte man sagen, dass das, was sie ihm antut, viel gemeinsam mit einer Vergewaltigung hat.

Diese Szene erinnert an Karls Erfahrung mit Johanna. Wie Kafka im ersten Kapitel schreibt, hat sie ihn zwar nicht vergewaltigt, aber doch “verführt.” Er war ziemlich jung, und sie was viel älter. Wenn es so einen großen Altersunterschied gibt, findet Sex manchmal nicht im gegenseitigen Einvernehmen statt. Die Tatsache, dass Kafka schreibt, dass sie ihn “verführt” hat, und nicht umgekehrt, deutet möglicherweise darauf hin, dass der Sexakt einem sexuellen Missbrauch gleichkommt, als wäre er ihr Opfer.


Die Erotik [zurück nach oben]
Die Kampfszene zwischen Klara und Karl ist bestimmt sehr erotisch geprägt, obwohl es nicht klar ist, ob die Motivation Klaras oder Karls sexuell bedingt ist, oder ob es eher um Macht geht.


Es könnte sein, dass Klara ein sexuelles Vergnügen daran hat, Karl zu demütigen. So ein sexuelles Phänomen heißt “Dominance”. Oder sie könnte bloß ein sadistischer Mensch sein.


Ausbeutung/Ausnutzung [zurück nach oben]
Im ganzen Roman ist das Thema Ausbeutung sehr wichtig. Delamarche und Robinson beuten Karl aus, indem sie seinen Anzug verkaufen und ihm ständig um Geld bitten. Brunelda beutet alle drei aus. Die Schifffahrtsgesellschaft beutet den Heizer aus. Die Liftjungen in Kapitel vier werden im Hotel brutal ausgenutzt, denn sie arbeiten viele Stunden für wenig Geld und werden wegen dem geringsten Vergehen gnadenlos entlassen. Im letzten Kapitel nennt sich Karl “Neger”, wahrscheinlich weil er sich so ausgebeutet fühlt, dass er sich mit der wohl ausgebeutetsten Schicht der Gesellschaft identifizieren kann.

In diesem Kapitel wird Karl von mehreren Personen ausgebeutet. Klara beutet ihn aus, indem sie ihn benutzt, ihr Bedürfnis, jemanden zu dominieren, zu befriedigen. Herr Green beutet Karl aus, indem er Karl erniedrigt, vielleicht weil diese Erniedrigung sein Selbstwertgefühl steigert, oder bloß weil er sadistisch veranlagt ist. Sogar Herr Pollunder beutet Karl aus, indem er ihn nicht gegen die Vorwürfe Herrn Greens verteidigt, möglicherweise weil es gegen sein wirtschaftliches Interesse ist, Herrn Green zu tadeln. Er erlaubt es Herrn Green, mit seiner Tochter zu flirten, obwohl sie verlobt ist.

Man könnte den Roman vielleicht als sozialistischen Roman interpretieren. (Es wird vermutet, dass Kafka Sozialist war.) Der Roman zeigt, wie stark Leute ausgenutzt werden, sowohl emotional und sexuell als auch wirtschaftlich. In diesem Kapitel können wir auch wirtschaftliche Ausbeuterei, oder wenigstens die Machtstruktur einer kapitalistischen Gesellschaft, beobachten. Z.B. duldet Herr Pollunder Herrn Greens schlechtes Benehmen, weil er für Karls Onkel arbeitet, und Herr Pollunder auf ihn finanziell angewiesen ist.



Ist Der Verschollene eine Bildungsroman? [zurück nach oben]
Nach Duden ist ein Bildungsroman ein “Roman, in dem der Prozess der geistigen und charakterlichen Bildung des Helden bzw. der Heldin dargestellt wird.” Normalerweise ist die Held bzw. Heldin jung.

In diesem Buch geht es oft darum, dass Karl lernt, wie er sich verhalten sollte. Er ist schließlich nur ein Teenager, und ist etwas unreif. In zweiten Kapitel, belehrt ihn sein Onkel. Er lernt auch gleichzeitig, wie das Leben in Amerika funktioniert. Nach und nach verwandelt er sich von einem unreifen Teenager zu einem Mann.

In diesem Kapitel ist es klar, dass Karl die Spielregeln in diesem Haus noch nicht versteht. Wenn Klara ihm sagt, er solle sie sofort begleiten, tut er das Gegenteil. Er beharrt darauf, dass er sich sein Schlafzimmer ansieht, obwohl sein Gastgeberin dagegen ist. Er stellt damit ihr Autorität in Frage, und verletzt sie gleichzeitig in ihrer Eitelkeit. Er hat die Regeln (oder “Prinzipien”) seines Onkels, so irrsinnig sie auch sein mögen, nicht begriffen, und muss jetzt für sein Unwissen büßen.

Autor: Daniel Shabasson