Im ersten Absatz von dem „Urteil“ wird Georgs Nachbarschaft beschrieben. Man liest von einer Reihe der Häuser, die sich „fast nur in der Höhe und Färbung unterscheiden“. Georgs Geschichte ist nicht besonders angenehm. Man kann sich fragen, wenn die Häuser so ähnlich sind, sind sie denn mit Figuren gefüllt, die ähnlich zu Georg sind? Ist Georg eine Ausnahme, ist seine Geschichte ungewöhnlich, oder ist jedes Haus mit einem einzigartigen kafkaesken Alptraum gefüllt, von deren wir nur einen hören? Ist diese Geschichte eine Kritik von bürgerlichen Leben, und was sich darin versteckt, oder handelt die Geschichte von etwas spezifischer in Kafkas Erfahrungen? Die Geschichte passiert größtenteils in der Wohnung, und es ist verlockend, die Ereignisse in der Geschichte wie etwas anzusehen, die nur um eine einzigartige Familie handelt, aber Kafka hat sorgfältig einen Rahmen um die Geschichte gebaut, deshalb die Umgebung um die Wohnung soll nicht vernachlässigt werden.

Es scheint mit Kafkas Beschreibung der „niedrigen, leichtgebauten Häuser“, dass sie weder sehr schöne noch wunderbare Häuser sind. Im Kontrast dazu liest man im ersten Absatz von „den Fluss, die Brücke, und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün“. Dieses ist die Aussicht von Georgs Privatzimmer, eine sehr angenehme Aussicht, besonders im Vergleich zum Zimmer des Vaters. Man könnte denken, dass diese Aussicht ein mögliches Entkommen aus einem unglücklichen bürgerlichen Leben repräsentiert, aus Georgs Problemen mit seinem Vater, oder aus anderen Problemen; ein Entkommen in die Natur. Wenn aber Georg eigentlich am Ende sein Haus verlässt, erreicht er nie die Anhöhen noch das Ufer, und erreicht er deshalb nie die Natur, (wenigstens nicht sie es ihm sofort zu töten beginnt, weil Georg am Ende der Geschichte zum Wasser eilt, und er lässt sich da ins Wasser stürzen).

Man weiß allerdings nicht, was Georg aus seinem Fenster eigentlich sieht. Er antwortet auf einen Freund, der ihn von draußen gegrüßt hat, fast nicht. Vielleicht ist er zu in Gedanken verloren. Georgs Zimmer, das Vorderzimmer, hat jedenfalls ein Fenster mit einer Aussicht, deren Licht Georg genießt, während der Aussicht des Vaters von einer Mauer versperrt ist und noch dunkel an einem Sonnentag, und das Zimmer und die Kleidung des Vaters sind schmutzig dazu. Georg hat seinen Vater im Hinterzimmer untergebracht. Es gibt auch ein sonniges Wohnzimmer, das auch im Kontrast zu dem Hinterzimmer steht, aber der Vater bleibt in der Dunkelheit. Es gibt genug Beweis in der Wohnung, dass Georg seinen Vater vernachlässigt hat, ohne die Anklagen des Vaters.

Irgendwie hat Georg die Oberhand in der Wohnung gewonnen, wenn man die Wohnung überlegt, aber das war nur ein vorläufiger Sieg, den der Vater endlich kippen könnte. Der Vater weiß, wie er sein schlechtes Zimmer zu seinem Vorteil brauchen kann. Als Georg ins Zimmer seines Vaters eintretet, ist der Vater, der die Zeitung liest, auf einem Sessel in einer Ecke. Georg gelingt anscheinend in seinem Versuch, den Vater zum Bett zu bringen. Als er im Bett ist, „schien alles gut“. Der Vater fragt, ob er „gut zugedeckt“ ist, aber Der Vater hat eine Falle für Georg gestellt. Der Vater benutzt das Bett wie einen Drehpunkt. Georg will zum Bett gehen, „um alles zu fassen; er „stockte aber in der Mitte des Wegs“, und bald danach, finden wir Georg „in einem Winkel, möglichst weit vom Vater“. Die Lage des Vaters im Bett schlagt eine Schwäche des Vaters vor, aber dieses Aussehen ist irreführend. Vielleicht ist das Bett irgendein Symbol der Sexualität und deshalb eine Quelle der Macht für den Vater, dessen plötzliches Aufstehen Georg in die Ecke treibt. Der Vater hat plötzlich neugefundene Autorität. Oder vielleicht war es immer da, weil der Vater ausruft, dass er „noch immer der viel Stärkere“ war.

Es ist sicher kein Unfall, dass Andenken von der gestorbenen Mutter, deren Erinnerung (nach dem Vater) Georg nicht genug Rücksichtnahme gibt, in dieser Ecke des Zimmers sind. Vielleicht will Georg den Schutz der Mutter haben, er will sich zu seiner Mutter zurückziehen, aber sie ist nicht da, um ihn vor dem Vater zu schützen. Es kann auch sein, dass Georg hier zwischen seinen Eltern gefangen ist, und dass das ein absichtlicher Plan des Vaters war. Georg ist am Ende ganz untergeordnet, und der Vater verurteilt Georg „zum Tode des Ertrinkens“. Das bringt die Szene im Zimmer des Vaters zum Ende.

Am Anfang der Geschichte hatten wir eine Aussicht von Georgs Fenster. Am Ende sind wir schließlich wieder draußen, als Georg sich fühlt, dass der Vater ihn „aus dem Zimmer gejagt“ hat. Alles am Ende der Geschichte passiert schnell, im Gegensatz zum Anfang, worin Georg nicht eilt. Diese zwei Absätze bilden einen Rahmen um diese Geschichte, die ansonsten in dem Haus erfolgt. Der erste Satz handelt sich um das Wetter. Das letzte handelt sich um eine Brücke. Es erinnert einen ans Kino, worin ein Regisseur schildert eine größere Szene, vor er zu den Hauptfiguren näher rückt. Kafka hat am Anfang das Bild vergrößert, und am Ende verkleinert er es. Es gibt aber eine Änderung des Tempos und der Atmosphäre. Am Anfang war alles ziemlich ruhig, in krassem Gegensatz zu dem Geräusch des Verkehrs am Ende, und am Anfang war die Natur eine mögliche Stelle des Entkommens, aber am Ende wird es etwas tödlich, mit Georgs Sturz in den Fluss.




By Václav Krátkoruký Královské Vinohrady (30.8.1864 - 30.1.1933) [Public domain or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
By Václav Krátkoruký Královské Vinohrady (30.8.1864 - 30.1.1933) [Public domain or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons


Literaturverzeichnis:

Kafka, Franz. Sämtlicher Werke. „Das Urteil: Eine Geschichte.“ S. 759-769. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main. 2008.