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"Dark Cathedral" Bild von Helaine Chardon


Zusammenfassung von »Im Dom«

»Im Dom« ist das vorletzte Kapitel des Buches und entwickelt die Geschichte von Joseph K. und seiner Verhaftung weiter. K. wird zunehmend erschöpfter und argwöhnischer, und sein Gerichtsverfahren scheint immer hoffnungsloser zu verlaufen.

Zu Beginn des Kapitels ist die Jobsicherheit K.s noch weiter gefährdet. Er erhält einen neuen Auftrag, einem bedeutenden italienischen Geschäftsfreund der Bank einige Kunstdenkmäler der Stadt zu zeigen, ist aber misstrauisch, weil er glaubt dass dieser Auftrag ein neuer Versuch von der Bank, und im besonderen des Direktor-Stellvertreters ist, um ihn loszuwerden. Trotz seiner Besorgnis beschließt er den Auftrag anzunehmen und so zu tun, als sei alles in Ordnung. Er ist gerade erst von einer anstrengenden Geschäftsreise zurückgekommen und versucht zu verbergen, dass er wegen des regnerischen Herbstwetters eine Verkühlung und schreckliche Kopfschmerzen hat. Er möchte seinen Job behalten und will keine Schwäche zeigen.

K. beschließt, diesen Auftrag als Gelegenheit zu nutzen, der Bank seinen Wert zu beweisen, und arbeitet deshalb hart daran, um sicherzustellen, dass alles gut läuft. Er benutzt sein vielleicht übertriebenes kunsthistorisches Wissen, um ein Album der Stadtsehenswürdigkeiten zu machen und büffelt eine italienische Grammatik in der Hoffnung, mit dem Italiener gut kommunizieren zu können.

Er kommt früher zur Bank als üblich, um weitere Vorbereitungen zu treffen, wird aber sofort zum Direktor-Stellvertreter und dem Italiener, die bereits im Empfangszimmer warten, gerufen. Der Direktor-Stellvertreter und der Italiener grüßen K. herzlich und die beiden werden einander vorgestellt. Der Direktor-Stellvertreter und der Italiener plaudern eine ganze Weile, aber trotz seiner Vorbereitung kann K. wegen des starken süditalienischen Dialekts, den die beiden sprechen, fast nichts verstehen.

Weil dieses Geschwätz so lange andauert, haben sie viel weniger Zeit als geplant. Darüber hinaus erwähnt der Italiener beiläufig, dass er etwas anderes zu erledigen hat. Daraufhin entscheidet K., dass sie nur den Dom sehen werden. Es wird beschlossen, sich um 10 Uhr dort zu treffen und K. darf endlich gehen. Wegen seiner Unfähigkeit, dem Gespräch zu folgen, musste dieser ganze Austausch vom Direktor-Stellvertreter diskret an K. vermittelt werden. Dadurch dass der Direktor-Stellvertreter angeblich einen Groll gegen ihn hat, stellt sich die Frage, wie ehrlich er übersetzt hat. Führt er K. vielleicht in die Irre?

K. geht zurück in sein Büro und versucht sich weiter vorzubereiten, aber er wird ständig von einer Unmenge von Leuten unterbrochen, und sogar von einem Anruf von Leni. Es ist fast so, als hätte sich die ganze Bank verschworen, um diesen Auftrag für ihn so schwierig wie möglich zu machen.

K. bemerkt, dass er spät dran ist, und ruft hastig ein Auto herbei, um ihn zum Dom zu bringen. Er kommt pünktlich um 11 Uhr dort an, was ausgesprochen merkwürdig ist, da sie sich angeblich für 10 Uhr verabredet hatten. Es ist trostlos und regnerisch und der Dom ist fast leer. Der Italiener ist nirgends zu sehen und K. beschließt alleine hineinzugehen.

Er betritt den Dom und während er umherstreift, erkundet er die Kunst und die Statuen, die in dem Gebäude verstreut sind. Plötzlich taucht ein bizarrer Kirchendiener auf, der K. zum Hauptaltar führt. Anschließend verschwindet dieser wieder spurlos.

K. bemerkt eine kleine, scheinbar beengte Nebenkanzel, die so unangenehm ist, dass sie zur Qual des Predigers beabsichtigt scheint. Plötzlich taucht ein Geistlicher auf und macht, als würde er gerade eine Predigt halten. K. will schnell weggehen, bevor die Predigt beginnt, ist aber unheimlich resistent gegen das Verlassen. Er erwägt sorgfältig die Komplexität der bevorstehenden Predigt und seines Abschieds, und gerade als er sich endlich zum Gehen wendet, ruft der Geistliche laut seinen Namen.

Der Geistliche enthüllt, dass er der Gefängniskaplan ist, und dass er nicht nur weiß, dass K. verhaftet ist, sondern auch, dass sein Prozess schlecht läuft, weil man ihn für schuldig hält. K. argumentiert, dass er doch nicht schuldig ist, worauf der Geistliche antwortet, dass alle Schuldigen behaupten, dass sie nicht schuldig sind. K. ist natürlich verärgert, wird aber schnell befriedet.

Der Geistliche rät, dass K. zu viel Hilfe von Frauen sucht und dass dies nicht die Art von Hilfe ist, die er braucht. Allerdings rechtfertigt K. seine Handlungen mit der Behauptung, dass Frauen, weil das Gericht dazu neigt, sie zu missbrauchen, nützlich sein können. Er schlägt vielleicht vor, dass diese misshandelten Frauen einen guten Grund haben, anstatt für das Gericht, heimlich für ihn zu arbeiten. Er schlägt vielleicht vor, dass diese unbehandelten Frauen einen guten Grund haben, gegen das Gericht zu arbeiten. Der Priester verstummt sofort und K. wird ängstlich.

Als K. versucht, den Geistlichen zum Reden zu bringen, schreit dieser plötzlich etwas, was vielleicht die erwartete Predigt ist: »Siehst Du denn nicht zwei Schritte weit?« (224). Trotz des Zorns in der Stimme des Geistlichen und der folgenden peinlichen Stille, rationalisiert K., dass der Geistliche ihm immer noch vielleicht helfen könnte, und lädt ihn ruhig ein, von seiner Kanzel herunterzukommen. Komischerweise antwortet der Geistliche, dass er jetzt herunterkommen könne und tut so, als sei alles völlig in Ordnung. Von nun an reden die beiden plötzlich sehr freundlich und scheinbar offen miteinander.

K. sagt, er vertraut dem Geistlichen mehr als jedem anderen im Gericht. Der Geistliche erwidert, K. täuscht sich selbst, und fährt fort, ihm eine Geschichte zu erzählen, die angeblich aus der Einleitungsschrift des Gesetzes stammt.

In dieser Geschichte, die einer Parabel verdächtig ähnlich erscheint, kommt ein Mann vom Lande zu einem Türhüter und bittet um Eintritt in das Gesetz. Der Türhüter antwortet, dass der Mann im Moment nicht eintreten darf, dass es aber später erlaubt sein könnte. Der Mann vom Lande sitzt auf einem Schemel und wartet viele Jahre, bis er sehr alt wird, darf aber trotz seiner unersättlichen Bitten nie hinein. Am Ende schließt der Türhüter die Tür und geht weg.

Nach dem Erzählen schlägt der Geistliche vor, dass jemand getäuscht wurde. K. denkt sofort und ohne Nachdenken, dass der Mann vom Lande von dem Türhüter getäuscht wurde. Der Geistliche versucht jedoch, ihn durch eine lange und verworrene Erklärung, die sehr wenig mit dem zu tun hat, was in der Geschichte tatsächlich passiert, davon zu überzeugen, dass der Türhüter vom Gesetz der Getäuschte ist.

K. gibt zu, dass er wegen seiner Müdigkeit nicht alles wirklich begreifen kann, was der Geistliche sagt, aber am Ende behauptet K., dass er überzeugt ist. Er denkt selbst jedoch, dass solch ein kompliziertes Denken den Gerichtsbeamten am besten überlassen werde.

K. entscheidet, dass es höchste Zeit zu gehen ist, aber weil es dunkel ist, kann er sich nicht zurechtfinden und braucht Anweisungen von dem Geistlichen. Gerade als er gehen will, fragt K. den Geistlichen, ob er etwas will, vermutlich als Bezahlung für alle seine Ratschläge. Der Geistliche antwortet sehr kryptisch: »Ich gehöre also zum Gericht… Warum sollte ich also etwas von Dir Wollen. Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf wenn Du kommst und es entläßt Dich wenn Du gehst« (235).


Analyse der Parabel und seine Interpretation (Spoiler Warnung)

Die Parabel und die darauf folgende Diskussion für die Entwicklung des Romans sind äußerst wichtig, vor allem weil sie eine Reihe von Themen zusammenbringt, die im Roman immer wieder auftauchen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie aber vielleicht noch etwas vage und unzusammenhängend. Diese Unterhaltung zwischen K. und dem Geistliche ist auch die letzte bedeutende Konversation K.s, auf die wir vor dem endgültigen Abschluss des Romans aufmerksam gemacht werden, da die kurzen Interaktionen zwischen K. und den Wachen im letzten Kapitel keine wirkliche Konversation beinhalten. Dies alles führt uns zu der Annahme, dass dieser Austausch mit dem Geistlichen besonders wichtig für K.s abschließende Entscheidungen und auch für die Entwicklung des Romans sein muss. Hat dieses letzte Gespräch seine Einstellung geändert oder ihn zu seiner letzten Vorgehensweise ermutigt? Es kann doch nicht zufällig sein, dass K.s allerletzte Unterhaltung mit einem Gefängniskaplan stattfindet. Könnten wir dieses Gespräch vielleicht als eine Art letztes Bekenntnis interpretieren?

Es besteht auch in diesem Roman eine dauerhafte Verbindung zwischen dem Gesetz, der Religion und der Wirtschaft. Die Grenzen zwischen diesen drei Einflussbereichen sind verschwommen, und es gibt oft Figuren, die in zwei oder sogar allen dreien Einfluss zu haben scheinen. Der Gefängniskaplan ist ein überzeugendes Beispiel für eine solche Figur. Er ist ein Geistlicher, der doch auf der Gehaltsliste des Gerichts steht. Also werden seine Motivationen vielleicht beim Gespräch mit K. in Frage gestellt. Als Geistlicher sollte er sich hauptsächlich mit dem Zustand von K.s Seele befassen, aber er scheint sich eher für seinen Prozess zu interessieren. Sollten wir die als ineinander verschlungen sehen? Doch der Text, von dem er K. erzählt, stammt aus dem Gesetz und nicht aus der Bibel, und die einzige Verbindung zur Religion muss metaphorisch abgeleitet werden, da er in der ganzen Unterhaltung kein einziges Wort von Gott sprach.

Warum gibt ein Gefängniskaplan ohnehin Rat in einem Dom? Außer wenn der Dom eigentlich eine Art Gefängnis ist, hat der Gefängniskaplan keinen offensichtlichen Grund, im Dom zu sein, es sei denn, er wartet einfach auf K. Und woher wusste er, dass K. überhaupt dort sein würde, wenn die einzigen Leute, die wussten, dass er dorthin ging, die Bankangestellten, der Italiener, und Leni waren? Hat ihm jemand einen Tipp gegeben? Es gibt jedenfalls viele Anzeichen dafür, dass K.s Paranoia über eine Verschwörung nicht völlig unberechtigt ist. Die Religion, das Gesetz und die Geschäftswelt sind sicherlich miteinander vermischt.

Die Parabel und die verschiedenen Interpretationen K.s und des Gefängniskaplans können auch vielleicht Einblick geben, warum der ganze Roman so verwirrend, voller Symbolik und Metaphern, und manchmal sogar widersprüchlich ist. Kafka hat hier eine Parabel geschaffen, die uns gerade genug Informationen gibt, um unser Interesse zu wecken. Sie hat auch genug Ähnlichkeiten mit der größeren Handlung des Romans, dass wir ermutigt werden, Verbindungen zwischen den beiden herzustellen. Sie ist aber vage genug, dass mehrere Interpretationen möglich sind. Es könnte auch sein, dass der ganze Roman selbst genau solch ein Text ist, der uns zu versuchen zwingt, Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Roman ist aber vielleicht manchmal absichtlich verwirrend und durcheinander, so dass keine einzige Interpretation in jedem Szenario richtig sein kann.

Diese Betonung der Unübersichtlichkeit von Texten wird auch durch die Tatsache gestützt, dass Gerichtsdokumente für die Handlung des Romans entscheidend sind, immer aber als kompliziert, sinnlos und manchmal sogar als Pornografie oder doch Romane beschrieben werden. Sie sind frustrierend, und ihr Wert wird oft in Frage gestellt, aber sie sind immer noch mächtig und einflussreich, weil sie Wert haben können.

Man könnte die verwirrende Natur der Handlung und die überwältigende Menge an Symbolik im Roman, und vor allem die Interpretationen von K. und dem Gefängniskaplan in diesem Kapitel, als eine Kritik daran verstehen, wie ein Leser einen Text interpretiert. Hier am Ende des Romans gibt es ein Beispiel, worin zwei Leute einen Text sehr unterschiedlich interpretieren. K. nimmt den Standpunkt des Mannes vom Lande, während der Gefängniskaplan den Standpunkt des Türhüters einnimmt. Ihre Lesarten der Parabel sind von der Perspektive geprägt, mit der sie sich am meisten identifizieren, und sind durch ihre eigenen Lebenserfahrungen informiert. Mit solch einem Beispiel werden wir dazu ermutigt, die Komplexität unserer eigenen Interpretationen zu untersuchen, und es kann kein Zufall sein, dass diese Kritik beinah am Ende eines Romans steht, der den Leser fast gezwungen hat, aus Unsinn - oder zumindest aus Unklarheit - nach Sinn zu suchen. Es ist durchaus möglich, dass dieser Roman kein lösbares Rätsel ist, sondern eine Übung, die uns zum Nachdenken anregen soll.

Autor: Andrew Gerstenberger

Weitere Informationen über Parabeln: https://www.youtube.com/watch?v=ad6aZSpzjKI

Arbeit zitiert:
"Dark Cathedral" Bild von Helaine Chardon - http://goo.gl/GQ335Q

Kafka, Franz (1990): ˆDer Proceß: Origonalfassung; herausgegeben von Max Brod. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verl.

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