Franz Kafka befasst sich am direktesten mit der Sage als literarische Gattung in seinem kurzen Prosastück Prometheus. Erstmals 1931 veröffentlicht, sieben Jahre nach Kafkas Tod, wurde es im Januar 1918 geschrieben. Obwohl Kafkas Prometheus auf der gleichnamigen altgriechischen Sage basiert, bietet der Text drei von Kafka erfundene neue Varianten ihres Endes an, die auf unterschiedliche Weise das Schicksal von Prometheus schildern.

Prometheus, eine Schlüsselfigur in der altgriechischen Mythologie, war der Titan, der die Götter an die Menschheit verraten hat, indem er den Menschen das Feuer bescherte. Überdies gilt Prometheus als Schöpfer, Schützer, und Kulturstifter der Menschheit. Er habe die Menschen aus dem Ton der Erde erschaffen; den Menschen die Mathematik, die Landwirtschaft, die Medizin und die Wissenschaft beigebracht; und Zeus daran gehindert, die Menschheit auszurotten.

So wie die meisten Werke Kafkas ist Prometheus änigmatisch. Es ist sehr schwierig, Kafkas These und/oder Einstellungen hinsichtlich der Sage als literarische Gattung zu erkennen. Es gibt mehrere plausible Deutungen vom Text. Aber zunächst müssen wir uns die Vorfrage stellen: Was ist überhaupt eine Sage? Diese Frage ist besonders wichtig, weil das Wort Sage eine ganz spezifische Bedeutung hat. Die Sage ist nicht mit der Legende oder dem Märchen zu verwechseln. Wenn wir erst einmal den Begriff Sage erläutert haben, können wir uns wieder der Deutungsfrage zuwenden.


Inhaltsverzeichnis


1 Die Sage als literarische Gattung

Wissen.de zufolge ist eine Sage “die mündlich überlieferte Erzählung einer für wahr gehaltenen oder auf einem wahren Kern beruhenden Begebenheit; im Lauf der Zeit mit fantastischen, märchenhaften oder mythischen Elementen ausgeschmückt und ständig umgestaltet.” Sagen basieren auf vermeintlich historischen Geschehnissen, weshalb sie einen historischen Kern haben, und bezwecken folglich eine Erklärung für die Entstehung der Welt, des Menschen, oder anderer wichtiger natürlicher Phänomene. Weil Sagen mit “realen Begebenheiten, Personen- und Ortsangaben verbunden werden, entsteht der Eindruck eines Wahrheitsberichts.” (Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Kröner Stuttgart 2001, zitiert hier). Im Gegensatz zu einer Sage, die einen Wahrheitsanspruch erhebt, hat eine Legende eher einen moralischen oder religiösen Zweck.

Allem Anschein nach gibt es auf Englisch kein Wort, das mit dem deutschen Wort “Sage” gleichbedeutend ist. “Sage” wird oft mit dem Englischen “myth” oder “legend” übersetzt, aber die Übersetzung ist nicht genau, denn weder das Wort “myth” noch das Wort “legend” bezieht sich ausschließlich auf Erzählungen mit Wahrheitsanspruch oder Verbindungen mit realen Begebenheiten, Personen- oder Ortsangaben. Diese englischen Wörter unterscheiden nicht zwischen Erzählungen, deren Zweck es ist, einerseits wichtige Naturphänomene zu erklären, und andererseits moralische oder religiöse Botschaften zu liefern.

Die Besonderheit der Bedeutung des deutschen Wortes "Sage" ist von großer Wichtigkeit in Zusammenhang mit der Deutung von Prometheus. Denn die letzte Zeile des Textes, in der Kafka explizit eine Moral über Sagen zieht, lautet: “Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie [die Sage] wieder im Unerklärlichen enden.” Das Wort “Wahrheitsgrund” steht in Grimms Wörterbuch (aber weder im Duden noch im Wahrig) und ist wie folgt definiert:

"WAHRHEITSGRUND, m. grund, berechtigung eine sache für wahr zu halten oder anzunehmen. ein wort des 17. jahrh., im 18. veraltend: wenn mir alle wahrheits- gründe bekannt sind, so erkenne ich die wahrheit der sache gewisz."

Nach dieser Definition ist, ganz grob gesagt, ein Wahrheitsgrund eine Begründung oder Rechtfertigung für eine These oder Behauptung. Es ist leider nicht klar, ob Kafka dieses Wort mit dieser Bedeutung gebraucht. Überdies ist nicht klar, was mit dem Ausdruck "aus einem Wahrheitsgrund kommt" genau gemeint ist. Wenn ein Wahrheitsgrund eine Begründung ist, würde dieser Ausdruck dasselbe wie "aus einer Begründung kommt" bedeuten, wessen Sinn rätselhaft ist. Da das Wort "Wahrheitsgrund" schon zu Kafkas Zeiten veraltet war, besteht die Möglichkeit, dass Kafka es mit einer völlig anderen Bedeutung gebraucht hat. Vielleicht hat Kafka eine neue Bedeutung erfunden. Kafka befasst sich möglicherweise mit dem Thema, dass Sagen einen Wahrheitsanspruch erheben. Das heißt: Der Zweck von Sagen ist, eine wahre Erklärung für reale Begebenheiten oder Phänomene zu übermitteln. Sie werden mit wahren oder “realen Begebenheiten, Personen- und Ortsangaben verbunden”.


2 Der Text von Prometheus [zurück nach oben]

Prometheus.png
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1 Von Prometheus berichten vier Sagen:

2 Nach der ersten wurde er, weil er die Götter an die Menschen verraten hatte, am Kaukasus festgeschmiedet, und die Götter schickten Adler, die von seiner immer wachsenden Leber fraßen.

3 Nach der zweiten drückte sich Prometheus im Schmerz vor den zuhackenden Schnäbeln immer tiefer in den Felsen, bis er mit ihm eins wurde.

4 Nach der dritten wurde in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen, die Götter vergaßen, die Adler, er selbst.

5 Nach der vierten wurde man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloß sich müde.

6 Blieb das unerklärliche Felsgebirge. – Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären. Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.


(NB: Die Nummerierung der Zeilen steht nicht im Originaltext)
(NB: In manchen Versionen steht die sechte Zeile am Anfang des Textes)

3 Prometheus: Inhalt [zurück nach oben]

Obwohl Kafkas Prometheus auf der gleichnamigen altgriechischen Sage basiert, präsentiert der Text, neben der Originalversion des Endes (in der zweiten Zeile), drei von Kafka erfundene neue Varianten des Endes (in den dritten, vierten und fünften Zeilen). Jede der insgesamt vier Varianten schildert auf unterschiedliche Weise das Schicksal von Prometheus.

Obwohl Kafka in der ersten Zeile behauptet, dass "von Prometheus vier Sagen berichten", bietet uns Kafka lediglich die unterschiedlichen Varianten des Endes der vier Sagen dar, statt der vollständigen Sagen.
Die erste interessante Frage, die aufgeworfen wird, ist warum sich Kafka drei neue Varianten des Endes der Sage ausdenkt. Nur die erste Variante in der zweiten Zeile entspricht der Originalversion (obwohl auch diese Version in ein paar Details von der Originalversion abweicht). Die vier Varianten unterscheiden sich stark voneinander. In der ersten Variante, die von der Originalversion der altgriechischen Sage stammt, dauert die Folter eine Ewigkeit. Immer wieder fressen die Adler ohne Ende von seiner nachwachsenden Leber. In der zweiten Version wird Prometheus eins mit dem Felsen; es lässt sich daraus schließen, dass die Adler aufhören, von seiner Leber zu fressen, da Prometheus nicht mehr in menschlicher Form existiert. Er verschwindet in dem Sinne, dass er wesentlich ein anderes Geschöpf ist, nachdem er mit dem Felsen eins geworden ist. In der dritten Version gerät der Verrat völlig in Vergessenheit. Wir wissen nicht genau, was mit Prometheus passiert. Wir wissen nicht, ob er tatsächlich verschwindet oder stirbt, oder ob er noch an den Felsen gekettet ist. Aber sicher ist, dass er wenigstens metaphorisch nicht mehr anwesend ist, weil er (oder wenigstens sein Verrat) in Vergessenheit geraten ist. In der vierten Version verliert sowohl der Verrat als auch die Strafe mit der Zeit an Wichtigkeit. Die Strafe scheint nach und nach nicht mehr von Bedeutung zu sein. Wir erfahren von seinem Schicksal nicht. Wir können bloß vermuten, dass die Folter zu einem Ende kommt und dass Prometheus nicht mehr an den Felsen gekettet ist.

Es muss uns nicht erstaunlich vorkommen, dass diese Sage unterschiedliche Varianten aufweist, denn eine Sage ist eine "mündlich überlieferte Erzählung [der] im Lauf der Zeit ausgeschmückt und ständig umgestaltet [wird].” Es gehört also dem Wesen der Sagen an, dass sie mehrere Varianten haben. In den vier Varianten gibt es einen Ablauf, in dem Prometheus schrittweise verschwindet, sowohl in der konkreten Realität als auch in den Erinnerungen der Götter. In der zweiten Variante wird er eins mit dem Felsgebirge. In der dritten und vierten Variante wird er vergessen, oder sein Schicksal wird im Laufe der Zeit vernebelt. Die vier Varianten repräsentieren also einen Vorgang, in dem Prometheus und sein Leiden immer unbedeutender werden, und in dem Prometheus und sein Verrat sowohl physisch als auch metaphorisch nicht mehr anwesend ist. Die erste Zeile des letzten Abschnitts, die unmittelbar nach der Präsentation der vier Varianten kommt, lautet: “Blieb das unerklärliche Felsgebirge.” Nach den vier Varianten ist Prometheus nicht mehr da. Das einzige, was übrig bleibt, ist das Felsgebirge selbst. Stufenweise wird Prometheus immer unwichtiger und stattdessen wird unser Blick auf das Felsgebirge fokussiert. Dieses Element der Sage ist nun das einzige Objekt, das unserem Bewusstsein präsentiert wird, und steht jetzt im Vordergrund.

Wenn Prometheus einmal aus der Geschichte abgezogen worden ist, schreibt Kafka auf der ersten Zeile des fünften Abschnitts: “Blieb das unerklärliche Felsgebirge.” Kafka behauptet hier, dass das Felsgebirge “unerklärlich” sei. In der nächsten Zeile schreibt er: “Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären.” Hier sollte sich der Leser die folgenden Fragen stellen:

  • Was bedeutet “unerklärlich” in diesem Zusammenhang?
  • Warum ist ein Felsgebirge unerklärlich? Was für eine Erklärung für das Felsgebirge könnte man überhaupt liefern?
  • Glaubt Kafka, dass die Sage versucht, das Felsgebirge zu erklären?
  • Meint Kafka, dass es ein Defekt der Sage sei, dass sie das Felsgebirge nicht erklären könne?
  • Gibt es andere literarische Gattungen, die das Felsgebirge doch erklären könnten? Z.B.: Könnte die Wissenschaft das Felsgebirge erklären? Oder ist das Felsgebirge überhaupt unerklärlich?
  • Meint Kafka, dass wir dem Trugschluss erliegen, dass die Sage absolut alles, mitsamt Gegenständen wie dem Felsgebirge, erklären könne?

Die letzte Zeile des Textes ist auch sehr rätselhaft. Kafka schreibt: “Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.” Wie oben erwähnt, steht das Wort “Wahrheitsgrund” in Grimms Wörterbuch, aber das Wort war schon zu Kafkas Zeiten veraltet. Es ist nicht klar, ob Kafka das Wort mit dieser Bedeutung gebraucht hat. Da diese Zeile Kafkas Moral über Sagen übermittelt, ist es wichtig zu verstehen, wie Kafka dieses Wort versteht. Im nächsten Kapitel ‘Deutung’ (unmittelbar unten) werden wir uns zunächst mit dieser Interpretationsfrage beschäftigen.



4 Prometheus: Deutung [zurück nach oben]

In der letzten Zeile des Textes schreibt Kafka: “Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.” (NB: In manchen Versionen steht diese Zeile am Anfang des Textes). Wie oben schon erwähnt, steht das Wort “Wahrheitsgrund” in Grimms Wörterbuch (aber weder im Duden noch im Wahrig) und ist wie folgt definiert:

"WAHRHEITSGRUND, m. grund, berechtigung eine sache für wahr zu halten oder anzunehmen. ein wort des 17. jahrh., im 18. veraltend: wenn mir alle wahrheits- gründe bekannt sind, so erkenne ich die wahrheit der sache gewisz."

Nach dieser Definition ist, ganz grob gesagt, ein Wahrheitsgrund eine Begründung oder Rechtfertigung für eine These oder Behauptung. Es ist leider nicht klar, ob Kafka dieses Wort mit dieser Bedeutung gebraucht. Überdies ist nicht klar, was mit dem Ausdruck "aus einem Wahrheitsgrund kommt" genau gemeint ist. Wenn ein Wahrheitsgrund eine Begründung ist, würde dieser Ausdruck dasselbe wie "aus einer Begründung kommt" bedeuten, wessen Sinn rätselhaft ist. Da das Wort "Wahrheitsgrund" schon zu Kafkas Zeiten veraltet war, besteht die Möglichkeit, dass Kafka es mit einer anderen Bedeutung gebraucht hat. Vielleicht hat Kafka eine neue Bedeutung erfunden.


Möglicherweise bedeutet "aus einem Wahrheitsgrund kommt" dasselbe wie "ist durch Tatsachen begründet”. Jetzt können wir grob sagen, dass die Zeile Folgendes bedeutet: „Da eine Sage durch Tatsachen begründet ist, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.“ Aber es ist fragwürdig, ob Kafka behaupten will, dass Sagen durch wahre Tatsachen begründet seien. Sicher glaubt Kafka, dass die Prometheus Sage völlig fiktiv ist. Er würde wahrscheinlich eher sagen, dass die Altgriechen diese Sage als eine durch vermeintlich wahre Tatsachen begründete wahre Erklärung betrachtet haben. Namentlich wollten die Altgriechen die Entstehung des Menschen, seiner Kultur und seiner Technologie erklären.
Nach dieser Deutung würde Kafkas These sein, dass Sagen im Unerklärlichen Enden müssen, weil sie einen Wahrheitsanspruch erheben, d.h., sie streben danach, etwas zu erklären. (Im Gegensatz zu Sagen, erheben Märchen, Legende oder rein andere fiktive Geschichten keinen Wahrheitsanspruch.) Die Sage könnte hier die Erklärung im allgemeinen repräsentieren. Daher können wir Kafkas These über Sagen als eine allgemeine These über Erklärungen im allgemeinen verstehen. Erklärungen seien von Natura aus unvollständig. Diese These gilt vermutlich auch für wissenschaftliche Erklärungen. Weder die Sage noch die wissenschaftliche Erklärung sei imstande, absolut alles zu erklären. Genauso wie Sagen immer im Unerklärlichen enden, würden auch Wissenschaftliche Erklärungen im Unerklärlichen enden. Nehmen wir die wissenschaftliche Erklärung des Weltalls als Beispiel: Es gab einen Urknall. Aber was erklärt den Urknall? Wir könnten den Urknall durch eine weitere präexistente Ursache erklären, aber wie lässt sich wiederum diese Ursache erklären? Oder man könnte behaupten, dass Gott den Urknall erklärt. Aber was erklärt Gottes Existenz? Wenn wir versuchen, alles zu erklären, ist ein infiniter Regress das Ergebnis. (Nach dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges war Kafkas Behandlung des Themas //infiniter Regress// in der Fiktion eine seiner grossen Innovationen.) Wir können weder das Felsgebirge noch den Urknall erklären. Daher sollten wir erkennen, dass keine Erklärung, weder eine Sage noch eine wissenschaftliche Erklärung, imstande ist, die Welt vollständig zu erklären. Alle Erklärungen enden im Unerklärlichen. Unklar ist, ob Kafka meint, dass Erklärungen irgendwie fehlerhaft oder defektiv sind, weil sie das Unerklärliche nicht erklären können, oder ob wir einem Trugschluss erliegen, wenn wir erwarten, dass Erklärungen absolut alles, mitsamt Gegenständen wie dem Felsgebirge, erklären können. Vielleicht sollten wir die Tatsache akzeptieren, dass es gewisse Dinge gibt, wie ein Felgebirge oder das Universum, deren Existenz nicht erklärt werden kann. Vielmehr müssen wir die Existenz von solchen Dingen als schiere Tatsachen, deren Bestehen nicht hinterfragt werden kann, um einen infiniten Regress zu vermeiden.
Welche Beweise gibt es für die Vermutung, dass Kafka diese Sage gebraucht, um eine allgemeine These über Erklärungen zu vertreten? Erstens sollten wir die Tatsache berücksichtigen, dass das Wort “Wahrheitsgrund” zur Epistemologie (Erkenntnistheorie) gehört. Daher ist es logisch anzunehmen, dass Kafka eine Epistemologische These vertritt. Zweitens gebraucht Kafka das Wort “unerklärlich” und “erklären". Daher ist es logisch anzunehmen, dass Kafka das Thema Erklärung behandelt. Drittens gibt es, wie in der Wissenschaft, wo es eine Vielfalt an Hypothesen und Theorien gibt, viele Versionen der Sage über Prometheus. Wie wissenschaftliche Theorien, die sich im Laufe der Zeit verändern, verändern sich auch die Enden der Sage im Laufe der Zeit. Wie wissenschaftliche Theorien, die sich oft widersprechen, oder nicht miteinander übereinstimmen, stimmen die vier Versionen der Sage miteinander nicht überein.

Vielleicht will Kafka die rätselhafte philosophische Frage angehen: warum gibt es eigentlich irgendetwas und nicht einfach nichts? Dieses Rätsel scheint schlichtweg unlösbar zu sein, weil jede mögliche Antwort auf diese Frage voraussetzt, dass wir die Existenz von etwas postulieren, um die Entstehung der Welt zu erklären. Aber wir sind dann wieder mit dem Problem des infiniten Regresses konfrontiert. Wir können uns nicht einmal grob vorstellen, wie die Antwort auf diese Frage aussehen würde. Einige Philosophen haben deswegen die These vertreten, dass die Frage eine Scheinfrage ist. Zum Beispiel hat Henri Bergson diese These vertreten. (Nach Duden ist eine Scheinfrage etwas, was nur scheinbar eine Frage darstellt. Wenn die Frage warum gibt es eigentlich irgendetwas und nicht einfach nichts gar keine Antwort hat, dann könnte man behaupten, dass die Frage keine echte Frage ist, sondern nur eine Gruppe von Wörtern, die die äußerliche syntaktische Form einer Frage hat. Andererseits: es könnte sich um eine echte Frage handeln, die wir Menschen nicht beantworten können, weil wir bloß nicht intelligent genug sind). Es ist schwierig zu sagen, wie Kafka die Frage beantworten würde. Ich vermute, dass Kafka sagen würde, dass die Frage eine Scheinfrage ist, weil sie versucht, das unerklärliche zu erklären. Die Frage strebt nach einem unmöglichen Ziel.

Eine weitere Interpretation besagt, dass weder die Wissenschaft noch Erklärungen im allgemeinen, sondern die Religion, die echte Zielscheibe der Kritik Kafkas ist. Wir können diese Deutung „die atheistische Deutung“ nennen. (Kafka war tatsächlich Atheist,obwohl er sich für Religion, insbesondere die jüdische Religion, interessiert hat). Sagen gehören zur Religion, weil sie von altertümlichen Religionen stammen. Nach der atheistischen Deutung ist es nicht die echte Rolle der Religion, die Welt zu erklären, sondern uns die Fähigkeit zu liefern, der Welt einen Sinn zu geben, damit der Mensch mit seinen Existenzängsten zurechtkommt und seinen Platz im Universum versteht. Religionen liefern uns keine echten Erklärungen. Im Text zeigt uns Kafka mehrere Versionen der Sage, und wir können nicht sagen, welche Version richtig ist. Das einzige Element, das in allen Versionen anwesend ist, ist das Felsgebirge. Das Felsgebirge ist das einzige Element der Sagen, das zur Realität gehört. Da Religionen streng genommen falsch sind, d.h., da sie die Realität nicht erklären können, bleiben alle realen Elemente, die in der Religion bzw. der Sage vorkommen, unerklärlich oder unerklärt.

Eine ähnliche klingende aber unterschiedliche Deutung können wir als die “Gott-ist-tot” oder die “nietzscheanische” Deutung bezeichnen. Da geht es nicht darum, ob Sagen bzw. Religionen wahr oder falsch sind, wie im Falle von der atheistischen Deutung. Vielmehr geht es darum, dass Religionen nicht mehr imstande sind, den Menschen als moralische Wegweiser zu dienen. Religionen können heutzutage nicht mehr ihre alte Rolle so gut spielen wie früher, weil heutzutage unsere Weltanschauung eher auf der Wissenschaft basiert. Heutzutage wollen wir wissen, warum die Felsgebirge da ist. Die Sage bzw. die Religion kann dies nicht erklären. Kafka übermittelt uns diese Botschaft, in der er betont, dass die Sage über Prometheus hinsichtlich seines Schicksals mit der Zeit immer mehr vernebelt wird. Mit der Zeit gerät sein Verbrechen und seine Strafe in Vergessenheit. Genau sowas ist auch mit der Religion passiert: sie is zwar nicht ausgestorben, aber kann heutzutage ihre ehemalige magische und umfassende Kraft nicht ausüben.

Möglicherweise will Kafka Sagen mit anderen fiktiven Gattungen vergleichen. Sagen beanspruchen die Fähigkeit, die Welt zu erklären. Im Gegensatz dazu, gibt es rein fiktive Gattungen, die keinen solchen Anspruch erheben. Diese rein fiktive Gattungen erklären die Welt nicht besser als Sagen, aber sie sind dafür viel bescheidener, weil es uns ganz klar ist, dass sie nicht danach streben, die Welt zu erklären. Wir wissen, dass solche Erzählungen keine Wahrheitsanspruch erheben. Deswegen sind unsere Erwartungen nüchtern und realistisch hinsichtlich rein fiktiver Erzählungen, während diese Erwartungen hinsichtlich Sagen unrealistisch und übertrieben sind. Wir erwarten zu viel von Sagen. Das heißt, rein fiktive Erzählungen versuchen nicht das Unerklärliche zu erklären (weil sie überhaupt nicht zu erklären versuchen), und daher können sie nicht “wieder im Unerklärlichen enden.“ Wie wir es auf Amerikanisch sagen würden: rein fiktive Erzählungen „just ain’t in the explanation providing business in the first place.” Nach Kafka erliegen wir dem Trugschluss, dass Sagen absolut alles, mitsamt Gegenständen wie dem Felsgebirge, erklären können. Aber wir erliegen diesem Trugschluss nicht, wenn wir rein fiktive Erzählungen lesen, weil es da völlig offensichtlich ist, dass sie als fiktiv gemeint sind.


5 Zusammenfassumg und Schlussfolgerungen [zurück nach oben]


Ich habe oben versucht, Kafkas Prosastück Prometheus zu analysieren und interpretieren. Die Deutungen, die ich angeboten haben, sind lediglich eine Handvoll Optionen in einem breiten interpretiven Möglichkeitsraum. Sicher gibt es andere plausible Deutungen. Gewiss könnte die Deutungen, die hier vorgelegt werden, völlig deneben liegen. Schließlich ist es ein deutliches Merkmal Kafkas, dass er uns interessante Geschichten erzählt, die auf mehrere Weisen interpretiert werden können. Es ist nicht einmal klar, ob es Kafka selbst glaubt, dass es eine "richtige" Interpretation gebe.


6 YouTube-Links zu Hörbüchern [zurück nach oben]

Prometheus auf Deutsch vorgelesen:
https://www.youtube.com/watch?v=t61W7ShPGVk


Prometheus auf Englisch vorgelesen:
https://www.youtube.com/watch?v=pAw1gCTsn2A



Autor: Daniel Shabasson