von Kate Kelley

Die Figur Therese ist im unfertigen Roman Der Verschollene von Franz Kafka sehr wichtig für die Hauptfigur Karl Roßmann, weil sie die traulichste und liebevollste Freundin ist, die Karl im ganzen Buch findet. Karl ist nach Amerika gekommen, weil seine Eltern ihn weggeschickt haben, wegen der „Verführung“ einer Dienerin (Kafka 7). Kurz nach seiner Ankunft in New York fangt Karl an, beim Hotel occidental als Liftjunge zu arbeiten, wo er Therese kennenlernt. Viele Figuren im Roman behandeln Karl sehr schrecklich, wie zum Beispiel seine Eltern, sein Onkel in New York City, das Mädchen Klara, der Oberkellner des Hotels, und die Jungen Robinson und Delamarche, aber Therese kümmert sich sehr viel um Karl. Therese ist wie eine Schwester zu Karl, und sie haben miteinander eine sehr vertraute Beziehung geschaffen. Die Figur Therese repräsentiert die Möglichkeit, die Vergangenheit zurückzulassen. Sie demonstriert, dass man irgendeine Situation akzeptieren kann, der man im Leben begegnet, trotz all der vorigen Nöte. Aber Karl lernt nichts von Therese, die so ähnlich zu ihm ist. Schließlich geht Karl weg, und er lässt Therese und seine zweite Familie hinter.

Das Kapitel, in dem Therese eine große Rolle spielt, heißt „Im Hotel occidental“. Das erste Mal, dass Karl Therese sieht, sitzt sie bei der Schreibmaschine, dann steht sie auf und geht aus dem Büro, ohne ein Wort zu sagen. Eine Weile später, während Karl und die liebenswürdige Oberköchin in seinem Zimmer sind, ruft die Oberköchin, „Therese!“, und als eine „Stimme“ sich „Bitte Frau Oberköchin“ meldet, weiß Karl sofort, dass diese Stimme der Schreibmachinistin gehört, obwohl er Thereses Stimme bis dahin nie gehört hat (123). Diese Passage ist interessant, weil sie eine tiefe und familiäre Verbindung demonstriert, die Karl mit Therese hat. Es ist als ob Therese Karl bekannt ist, bevor sie sich vorstellen.

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Grand Hotel w Łodzi https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grand_Hotel_old_Lodz.jpg


Karl und Therese haben ähnliche Geschichten von Nöten in ihren Kindheiten, und sie kommen sofort sehr gut miteinander aus. Als Therese Kind war, war es sehr schwierig für ihre Mutter, Arbeit zu finden, und deshalb war sie immer sehr müde und sie wollte Therese verlassen. Die Mutter ist gestorben, weil sie von einem hohen Geländer gestürzt und zu ihrem Tod gefallen ist (141). Ihr Tod scheint ein Selbstmord zu sein, weil es dem Leser unklar ist, ob der Fall absichtlich oder zufällig ist. Aber Therese war in jungen Jahren verlassen, genauso wie Karl von seiner Familie.

Es gibt in ihre Freundschaft viele Geheimnisse und viel Vertrauen, wie zum Beispiel Karl tröstet Therese in ihren ersten Begegnung, wenn sie Angst über ihre Arbeit hat, und sie hilft Karl mit seinem Englisch (128, 142). Therese erlaubt Karl ihr zu helfen, als sie für die Arbeit in der Stadt gegangen ist. Und er besucht Therese in ihrem Zimmer, als er einen freien Tag hat, und sie spricht über die Nöte von ihrer Kindheit. Sie sorgen viel um einander und entwickeln eine sehr intime Beziehung.

Als Karl vom Oberkellner des Hotels bezichtigt wird, seine Pflichten als Liftjunge nicht gemacht zu haben, sind Therese und die Oberköchin da, um ihm zu helfen. Therese hat Karl früher gesagt, dass die Oberköchin wie ihre „selige Mutter war“ (127). Die beide wollen ihn schützen, aber Karl hat Angst, dass der Oberkellner ihn von seinem Job entlassen würde. Therese verspricht, dass die Oberköchin alles lösen wird (165). Therese will ihm helfen, obwohl sie nicht weiß und es ihr egal ist, ob Karl schuldig ist. Sie weint über Karls Situation, aber nicht wegen der Ungerechtigkeit des Vorwurfs, sondern weil Karl Hilfe braucht. Schließlich kann Karl den Oberkellner nicht überzeugen, dass er unschuldig ist, und er wird entlassen. Die Oberköchin schützt Karl nicht, sondern sie glaubt dem Oberkeller, mit dem sie eine heimliche romantische Beziehung hat. Karl hat eine Art zweite Familie mit Therese und die Oberköchin bei dem Hotel occidental, aber zum zweiten Mal schickt Karls Familie ihn ungerecht weg, wegen einem „großen Irrtum“ (162). Leider ist Karls Entlassung aus dem Hotel eine tragische Wiederholung seiner Vertreibung aus seiner echten Familie in Europa.

Therese ist nicht nur wie ein Geschwister von Karl, sondern sie repräsentiert auch das Leben, das Karl nicht erreichen kann. Therese konnte trotz ihrer harten Erfahrung einen Weg zu einem guten Leben finden. Beispielsweise hatte sie Probleme in ihrem ersten Job als Küchenmädchen bei dem Hotel, aber sie hat alles mit der Hilfe der Oberköchin gelöst (126). Aber die Hilfe der Oberköchin verbessert Karls Leben nicht.Er kann keine Lösung für seine Probleme finden. Eine wichtige Eigenschaft von Therese ist, sie kann ihre Vergangenheit einfach hinterlassen. Karl, auf der anderen Seite, denkt oft an seine Vergangenheit und seine Familie in Europa. Therese verweilt nicht beim Tod ihrer Mutter. Auch nach Karls Entlassung ist es Therese Egal, ob Karl ungerecht beurteilt war oder ob er schuldig oder nicht ist, nur dass er eine gute Zukunft hat. Aber Karl ist sehr gestört, dass er schrecklich behandelt und entlassen wurde. Obwohl sie sehr ähnlich sind, ist dieser Punkt ein großer Unterschied zwischen Therese und Karl. Die schlimme Erfahrung beim Hotel occidental demonstriert, dass Karl von Therese nicht lernen kann, trotz ihre Gemeinsamkeiten, wie er in die Zukunft blicken und mit seinen Problemen zurechtkommen soll. Therese hat ihr Leben verbessert, aber Karl ist dazu verurteilt, Nöte und Schwierigkeiten für immer zu wiederholen.


Zitierte Werke:

Kafka, Franz. Der Verschollene. Stuttgart: Reclam, 1997. Print.