Ein großer Teil von Kafkas „Amerika“ erfolgt in einem Hotel, in dem Karl noch einmal sein Glück sucht. Wir hören zuerst von dem Hotel, wann Karl dort geht, um Essen für Delamarche und Robinson abzuholen. Wir erfahren später, dass dieses Hotel „Hotel occidental“ heißt, und dass es sich in der Nähe einer großen Stadt liegt, die Ramses heißt. Als Karl an dem Hotel ankommt, wird er sofort mit Chaos begrüßt. Es ist eine überfüllte Speisekammer, ein großer Saal mit einem Buffet, Kellnern, und Gästen. Es scheint, dass in den großen amerikanischen Hotels viel Essen gibt, vielleicht sogar eine übermäßige Quantität des Essens, aber man muss kämpfen, um ein bisschen davon zu bekommen. Es mangelt vielleicht an der Gastfreundschaft. Es gibt aber keinen Mangel an Leute: “Immer wieder zogen durch die Haupttüre mit großem Halloh neue Gaste ein“ (108). Kommen sie wie Immigranten in ein neues Land? Aber es ist vielleicht nur Karl, den die Situation fassungslos macht. Er muss von einem Angestellte des Hotels Hilfe bekommen, der Oberköchin, die im Hotel sehr einflussreich ist. Sie erklärt ihm, dass das Hotel vollbesetzt ist, als sie ihn einladet, ins Hotel überzunachten (111).
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Das Hotel ist so mit Menschen überfüllt, dass Karl sich freut, dass “er nicht durch den Saal hatte herausgehn müssen” (112). Das Hotel ist beeindruckend wegen der Menge der Menschen darin, und auch wegen seiner physikalischen Weite. Die fünf Stockwerke beleuchten ihre Umgebung (112), oder vielleicht gibt es mehr als fünf, weil es „eine Dame im siebenten Stockwerk” gibt (146). Oder vielleicht wirkt das Hotel, als ob es immer wacht, oder so sieht es Karl aus. Wir hören jedenfalls später, dass das Hotel etwa 30 Aufzüge hat, dass es vierzig Liftjungen anstellt, und dass das Hotel fünftausend Gäste hat. Die Größe des Hotels ist zu dem Status des Hotels zusammenpassend. Wann Karl von dem Hotel angestellt wird, schätzt er den Status, den das Hotel sogar seinen niedrigsten Arbeitnehmern verleiht, denn “das Hotel occidental war eine Kundschaft, deren man nicht spotten durfte” (136).

Das Hotel hat auch andere Reize für Karl. Das Hotel ist eine Gelegenheit für Karl, sich selbst zu bessern. Die Oberköchin erklärt ihm, dass er „jeden Tag die Möglichkeit, zu etwas Besserem zu gelangen” haben wird (120). Die Arbeiter da sind zum Teil auch Immigranten, die aus Karls Heimatland kommen oder aus der Nähe. Die Oberköchin kommt aus Wien und ihre Schreibmaschinistin kommt aus Pommern. Das Hotel und die Leute darin sind insgesamt für Karl unwiderstehlich. Karl zögert nicht, die Stelle, irgendeine Stelle im Hotel anzunehmen, und er wird schnell ein Liftboy des Hotels.

Ob das Hotel selbst, die Atmosphäre, ihn anzieht, ist zweifelhaft. „Das ist ein schrecklicher Saal“ sagt er später zu Therese, der Schreibmaschinisten, über die Speisekammer (127). Aber es gibt Zimmer darin, die ihm besser gefallen. Es gibt das Zimmer der Oberköchin, das “zwar schon als Dachzimmer eine schiefe Wand hatte”, aber es ist da keine schlechte Situation, im Vergleich zu anderen Angestellten. (122). Ihre Wohnung hat eigentlich drei Zimmer, und hat Verbindungstüre. Karl schläft da die erste Nacht. Therese hat ein kleineres Zimmer, in dem sie zu Karl von ihrer Mutter spricht. Es gibt einen relativen Luxus im Hotel, der, vielleicht wie der Reichtum seines Onkels im New York war, ein Beispiel für Karl ist; es ist ein Beispiel, von was er haben kann, wenn er im Hotel als Arbeiter gelingt.

Leider sind Karls Erfahrungen des Hotels oft desillusionierend. Ein stehendes und schlafendes Liftboy ist ein Zeichen von der Arbeit da. Ja, es gibt da Gelegenheiten, aber das Hotel beutet die Arbeiter aus. Die Oberköchin schläft „ungemein schlecht“ (123). „Es müssen die Folgen meiner frühern Sorgen sein“ (123). Therese wird auch krank und will, dass Karl sie eines Tages ersetzen kann, wenigstens von den schwersten Aufgaben. Er bekommt eine Warnung von Therese: „Man stellt hier sehr große Anspruche“ (126). Sie ist durch schwere Arbeit „in der Entwicklung ein wenig zurückgeblieben“ (126). Seine Stelle wird nicht leicht sein. Und dazu ist die Pracht des Hotels manchmal oberflächlich, wie die glänzende aber schlecht passende Uniformen. Karl ist ein guter Arbeiter, und er beginnt die Gäste kennenzulernen und Trinkgeld zu bekommen. Aber die Arbeitsbedingungen sind schrecklich, einschließlich die Unterkunft, weil das Schlafzimmer ihm sehr enttäuschend ist.

Karl schafft sich selbst zum Teil die Enttäuschungen des Hotels, wie das Schlafzimmer. Obwohl die Oberköchin will, dass er sein eigenes Zimmer bekommt, will Karl mit den anderen Arbeitnehmern im Schlafzimmer übernachten, das “ein großer Saal mit vierzig Betten“ ist (133). Aber das Schlafzimmer ist ganz schrecklich. „Ein ruhiges Schlafzimmer war dieser Schlafsaal allerdings nicht. Denn da jeder einzelne die freie Zeit von zwölf Stunden verschiedenartig auf Essen, Schlaf, Vergnügen, und Nebenverdienst verteilte, war im Schlafsaal immerfort die größte Bewegung“ (133). Es gibt da immer Rauch, immer Licht, immer Geräusch, und manchmal sogar Faustkämpfe. Es ist eine ganz andere Welt als die oben bei der Oberköchin. Weil Karl mit den Niedrigsten in der Gesellschaft ist, kann er nichts Besseres erwarten.

Das Hotel mag ein Mikrokosmos der Gesellschaft sein. Es hat ein Klassensystem, eine große Bürokratie, und oft willkürliche Gerechtigkeit. Innerhalb jeder sozialen Klasse sind feinere Unterscheide, wie die zwischen Teresa und der Oberköchin, oder zwischen Karl und den anderen Liftboys. Die Liftboys haben eine Organisation, „die von der Hoteldirektion anerkannt“ ist (144). „Im Allgemeinen [halten] alle zumindest in Dienstfragen streng zusammen“, aber sie kämpfen auch miteinander um den gemeinschaftlichen Stand (144). Karl ist im Hotel ein der Niedrigsten, unter den Führungskräften, unter den Gästen, und als ein neuer Liftboy, auch unter den anderen Liftboys. Karls Stellung macht es, dass er leicht zum Opfer fallen kann. Er ist sicher von den Gästen schlecht behandelt, als „ein Herr, der eine Dame begleitete, berührte Karl sogar leicht mit dem Spazierstock, um ihn zur Eile anzutreiben“ (144). Ein Liftboy hat Gelegenheiten im Hotel, aber er kann auch das Opfer von Grausamkeiten klein und groß werden.

Die Gerüchte spielen eine große Rolle im Hotel. Es gibt vielerlei Gerüchte im Hotel, zum Beispiel, die über Beziehungen zwischen Gästen und Arbeitern. Ein Liftboy namens Renell ist „selbstbewußter geworden“ wegen eines Gerüchts, dass er eine reiche Frau im Hotel geküsst hat (143). Die Gerüchte helfen die Liftboys ihren Status mit einander zu wissen, und ein bisschen Kontrolle darüber zu haben. Renell kann „das Putzen gänzlich“ zu Karl überlassen, wegen des höheren Status Renells (143). Aber die Gerüchte sind vielleicht am Kräftigsten, wenn sie als Hilfsmittel wirken, mit dem das Hotel größere Kontrolle von den Arbeitnehmern erhaltet. Die Liftboys beobachten einander, wenn sie arbeiten und wenn sie Freiheit haben. Die Gerüchte werden am Ende ganz wichtig in Karls Niedergang. Karl bekommt Anklagen von seinem Privatleben, die von “was er in der Stadt treibt” handeln (162). Karl muss nicht nur seine Arbeit ausführen, sondern auch seine Freizeit wird auch ausgewertet, mit der Hilfe der Gerüchte.

Der Portier ist ein anderes Beispiel von der komplizieren Machtstruktur im Hotel. Dass er „gewiss alle Gaste kannte“, stellt ihn näher zu den Gästen. (157) Er muss gegrüßt von den Arbeitern werden, weil der Status im Hotel klar gezeigt werden muss. Seine Macht hat oft eine physikalische Form, als Karl in der Portiersloge betrachtet, deren Wände „ausschließlich aus ungeheueren Glasscheiben [bestanden], durch die man die Menge der im Vestibül gegeneinanderströmenden Menschen deutlich sah“ (177). Das Hotel hat eine mikrofeine Kontrolle über die Arbeiter, und eine physikalische Struktur, die dazu passt. Die Eingänge bekommen eine besondere Betonung. Der Portier sagt Karl direkt: “Im Übrigen bin ich in gewissem Sinne als Oberportier über alle gesetzt, denn mir unterstehn doch alle Tore des Hotels, also dieses Haupttor, die drei Mittel- und die zehn Nebentore, von den unzähligen Türchen und türlosen Ausgängen gar nicht zu reden” (182). Das Hotel ist fast wie ein Land von Selbst, innerhalb Amerikas, und der Portier leitet den Zoll.

Das Hotel wird am Ende ein Ort, wo Arbeiter ausgebeutet werden, mit Unterstützung zum Teil von den Gästen. Es ist auch einen Ort, in dem man oft beobachtet wird. Man wird beobachtet, besonders, wenn man ein Angestellter des Hotels ist, aber die Gäste werden auch beobachtet. Wenn Karl am Ende von dem Hotel entlassen wird, wird er nicht verhaftet, aber sein Status als Verbrecher bleibt mit ihm, weil das Hotel viele Anklangen und angebliche Beweise hat. Man könnte an Kafkas „Prozess“ denken, in dem eine Figur verhaftet wird, obwohl er erlaubt ist, sein Leben fast wie normal zu führen. Karl wird auch von seinen Vorgesetzen kriminalisiert, obwohl er das Hotel verlassen kann und sein Leben weiterfuhren. Seine angeblichen Verbrechen werden aber nicht vergessen. Leute können Karl immer an seinen Verbrechen erinnern, wenn sie etwas von ihm wollen.

Literaturverzeichnis:
Kafka, Franz. Der Verschollene. Reclam. Stuttgart. 1997.