Das Leben ist eine fortwährende Ablenkung, die nicht einmal zur Besinnung darüber kommen lässt, wovon sie ablenkt.

Franz Kafka






Wer Kafkas Brief an den Vater gelesen hat, der muss verstehen, warum das Thema der Beziehung zwischen Eltern und Kindern einen zentralen Platz in Kafkas Werk besitzt. Drei Texte, die in diesem Artikel analysiert werden -- “Das Urteil,” “Die Sorge des Hausvaters,” und “Der Fährmann” -- bieten verschiedene Muster der Familienbeziehungen, die Muster, die unweigerlich zweideutig und psychologisch vielschichtig sind: den Machtkonflikt zwischen dem Sohn und dem Vater, die Ängstlichkeit des Familienoberhaupts vor seiner Sterblichkeit, und eine traumhafte Begegnung mit dem idealen Vater- und Mutterersatz. Ebenso zentral war das Thema der Eltern-Kind-Beziehungen für Kafkas Zeitgenossen, __Sigmund Freud__, der die frühste Interaktion des Kindes mit seinen Eltern als den Kern aller psychologischen Vorgänge und Konflikte betrachtete. Dazu gewährte er dem Kampf zwischen dem Vater und dem Sohn für die Vorrangstellung die entscheidende Rolle in der Entstehung der Zivilisation. Schließlich beschäftigte sich Freud mit den Träume, die er für Portale zum __Unbewussten__ hielt. Dass Kafka mit der Freudschen Theorie der __Psychoanalyse__ bekannt war, wissen wir von seinen__Tagebüchern und Briefen__. Und zwar notierte er von seiner Erzählung “Das Urteil” im Tagebuch, dass er sie mit “Gedanken an Freud natürlich” geschrieben hatte (__Franz Kafka__: Tagebücher 1910-1923). Obwohl man kaum behaupten kann, dass Kafka notwendigerweise seine anderen Werke mit dem Bewusstsein der psychoanalytischen Theorie schrieb - geschweige denn feststellen, wie er selbst sein Schaffen von dieser Perspektive erklären würde - helfen einige Ideen Freuds, die Mehrdeutigkeit, Kompliziertheit und Merkwürdigkeit der Beziehung zwischen Kindern und Eltern in Kafkas Schaffen zu interpretieren. Das Ziel dieses Artikels ist mit Hilfe der Theorien Freuds drei Texte zu analysieren und gemeinsame Motive in Bezug auf das Thema zu identifizieren.




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Franz Kafka im Alter von 5

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Kafkas Eltern


Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit.
Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir uns öfters zusammen in einer Kabine auszogen.
Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit.

Franz Kafka, Brief an den Vater



Das Urteil:

Die Mutter musste sterben



Georg Bendemanns Leben verändert sich zum Besseren nach dem Tod seiner Mutter. Da sein zuvor herrschsüchtiger Vater von diesem Verlust betroffen gewesen ist, wird er im Geschäft zurückhaltender, so dass Georg die Möglichkeit bekommt, eine aktivere Rolle in den Geschäftsangelegenheiten zu spielen. Im persönlichen Leben geht es Georg ebenso besser: er hat sich verlobt. Nur durch eine Sorge scheint Georg belästigt zu werden. Man trifft ihn beim Schreiben eines Briefes an seinen Jugendfreund in Russland, dem es dort nicht so gut wie zuvor geht. Die Notlage des Freundes stellt Georg vor ein Dilemma: entweder dem Freund zum Rückkehr in die Heimatstadt aufzufordern und dann für seine Probleme hier verantwortlich zu sein, oder dem Freund seine eigenen Erfolge zu verschweigen und ihn im Ausland im Stich zu lassen. Was Georg aber am meisten stört, ist die Tatsache seiner Verlobung, die er dem Freund nicht mitteilen will und die er doch unter dem Druck der Verlobten letztendlich bekanntzumachen beschließt. Bevor Georg den Brief schickt, kommt er zuerst zu seinem Vater. Ab diesem Moment beginnt sich das Drama zwischen dem Vater und dem Sohn abzuspielen, das den Schwerpunkt der Geschichte abrupt ändert. Wie der Vater sagt, ist die Situation mit dem Brief “ärger als nicht”; das wirklich Wesentliche betrifft sie nicht (Das Urteil 764). Wo liegt denn der wirkliche Konflikt?


Obwohl sich Georg im ersten Teil der Geschichte in einer besessenen Weise auf seinen Freund konzentriert, wird es klar, dass der wirkliche Konflikt in seiner Beziehung zum Vater liegt. Trotz seines Älterwerdens, klammert sich der Vater an das Machtmonopol in der Familie. Wie Georg am Anfang bemerkt, kann er sich selbst nicht verwirklichen, solang sein Vater die beherrschende Stellung im Geschäft besitzt. Der Tod der Mutter scheint jedoch das Gleichgewicht der Macht zwischen den zwei männlichen Vertretern der Familie zu verschieben. Während Georg an den Fortschritt des Geschäftes unter seiner Leitung denkt, scheint es, als sei er das Hindernis in Form seines Vaters letztendlich losgeworden, wenngleich es ihn den Verlust der Mutter und die Schwächung des Vaters gekostet hat. Trotzdem erweist sich, dass der selbstgefällige Geisteszustand Georgs am Anfang der Geschichte nur den ungelösten Machtkonflikt verdeckt.


Wenn die Handlung voranschreitet, sieht man, dass sich Georg immer noch unter dem Druck der väterlichen Autorität befindet. Schon ab dem Moment, in dem Georg das Zimmer seines Vaters betritt, wird er von der Stattlichkeit der Erscheinung des Letzteren beeinflusst: “Mein Vater ist noch immer ein Riese” (763). Ebenso fällt ihm die selbstsichere Stellung des Vaters am Anfang des Gesprächs auf, indem er bemerkt, dass der Vater nicht so zurückhaltend und schwach zu sein scheint, wie er sich im Geschäft verhält. Sobald der Vater seine Autorität auszuüben beginnt und von Georg die Wahrheit über den Freund verlangt, ergreift Georg die erste Gelegenheit, um sich gegen die Kontrolle des Vaters zu verteidigen und ihm die Macht wegzuziehen. In einer Geste der Entmannung zieht Georg seinen Vater unter dem Vorwand der Altersschwäche des Letzteren aus, um ihn wie ein Kind ins Bett zu stecken. So versucht Georg einen Rollenumtausch, worauf der Vater gewalttätig und schonungslos reagiert. Er ist nicht bereit, seine Stellung als Familienoberhaupt aufzugeben, während Georg diese Widerwilligkeit durch die unbewussten Versuche der Entmannung konfrontiert.


__Georgs Fixiertheit auf den Freund in Russland__ kann als eine andere Strategie, den Konflikt gegenüberzutreten, erklärt werden. Solche Interpretierung würde sich auf Freuds Theorien der __Abwehrmechanismen__ stützen, nämlich auf die Konzepte der Verdrängung und Verschiebung. Die __Verdrängung__ ist ein psychologischer Vorgang, durch den man unangenehme Dinge oder die Triebe, die gefährliche Konsequenzen haben könnten, aus dem Bewusstsein ausschließt, um sie nicht zu konfrontieren. Andererseits ersetzt man in einer Akt der __Verschiebung__ das ursprüngliche Objekt eines Triebs, das nicht zu erreichen ist und deswegen verdrängt wird, mit einem anderen. Wenn Georg die Auseinandersetzung mit dem Vater unbewusst vermeiden will, verschiebt er all seine psychische Energie bis zum Punkt der unangebrachten Fixiertheit auf die Situation seines Freundes. Man sieht es deutlich im Augenblick, in dem der Vater, nachdem er Georgs Versuch, ihn “zuzudecken” verhindert hat, den Kern des Konflikts zu Tage bringt (766). Statt an seine Beziehung zum Vater zu denken, wendet Georg den Fokus seines Gedankens auf den Freund zurück, als würden Georgs qualvolle Gefühle, seine Schuld dem Vater gegenüber, in seinem Mitleid mit dem Freund ausgedrückt : “Georg sah zum Schreckenbild seines Vaters auf. Der Petersburger Freund, [...] ergriff ihn, wie noch nie” (766). Also, __Georgs Psyche gebraucht den Freund zur Ablehnung von Georgs Gefühlen zum Vater__, nämlich von seinem Wunsch, ihn als Familienoberhaupt zu ersetzen.


Dieser Wunsch kann anhand einer anderen Theorie Freuds erklärt werden. Die tiefste Dimension des Konflikts zwischen Georg und dem Vater könnte in der sexuellen Rivalität bestehen, oder im __Odipuskomplex__. Nach Freud entwickelt das Kind in der frühen Kindheit einen sexuellen Wunsch dem gegengeschlechtlichen Elternteil gegenüber als ein Ausdruck der kindlichen Sexualität. Gleichzeitig betrachtet das Kind das gleichgeschlechtliche Elternteil wie ein Gegner, was Todeswünsche ihm oder ihr gegenüber hervorbringt. Normalerweise wird das Kind diese Gefühle in einer bestimmten Phase der Entwicklung loswerden, nämlich wenn es sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu identifizieren beginnt, was Freud “die Lösung des Ödipuskomplexes” nennt. Geschieht es doch nicht und wird der Konflikt nur verdrängt, dann führt er zu ernsthaften psychologischen Konsequenzen und wird zur Grundlage der späteren Neurosen: “Wenn das Ich wirklich nicht viel mehr als eine Verdrängung des Komplexes erreicht hat, dann bleibt dieser im Es unbewusst bestehen und wird später seine pathogene Wirkung äußern” (Freud, __Der Untergang des Ödipuskomplexes__).


Wie relevant ist doch diese Theorie in einer Situation, in der die Mutter fast vollständig abwesend ist, und zwar tot? Dass Georg eine ödipale Verhältnis zu seiner Mutter hat, lasst sich daraus erkennen, dass sich die Beziehung zwischen ihm und seinem Vater gerade nach ihrem Tod verändert. Erstens kann man vom Standpunkt der Theorie des Ödipuskomplexes spekulieren, dass sich der Sohn im Liebesleben verwirklichen kann, weil er sein ursprüngliches -vermutlich nur unbewusstes- Objekt des sexuellen Triebs, seine Mutter, verliert. In diesem Fall können wir vermuten, dass der Vater einen Einblick in die Motivationen des Sohnes hat: “Wie lange hast du gezögert, ehe du reif geworden bist! Die Mutter mußte sterben, sie konnte den Freudentag [die Verlobung] nicht erleben [...]”(768). War Georgs unbewusster Wunsch nach seiner Mutter so streng, dass ihn nur ihr Tod davon befreien könnte?


Zweitens öffnet ihr Tod Georg den Weg zur Verlobung dadurch, dass der Vater von der Machtposition zurücktritt, weil er seine sexuelle Partnerin und damit seinen Status des männlichen Familienvertreter verloren hat. Die Vorwürfe des Vaters sind zwar übertrieben, aber in der Hinsicht der sexuellen Befreiung Georgs hat der Vater Recht: “Wie du jetzt geglaubt hast, [...] dass du dich mit deinem Hintern auf [den Vater] setzen kannst und er rührt sich nicht, da hat sich mein Herr Sohn zum Heiraten entschlossen” (766). Die Mutter scheint also als bestimmender Faktor für Georg zu sein: nicht nur objektiv, aufgrund der Erschwachung des Vaters, sondern auch subjektiv, weil er seinen Vater nicht mehr als dominierende Figur betrachten muss.


Die Frage bleibt aber, warum außer der Rolle ihres Todes die Mutter selbst so wenig Platz in Georgs Bewusstsein besitzt. Dass Georg sie nur flüchtig erwähnt und ihren Tod im distanzierten Ton zu konstatieren scheint, lässt sich als eine Verdrängung sowohl der infantilen sexuellen Bindung als auch seiner Schuldgefühle, aus ihrer Tod einen Vorteil zu ziehen, interpretieren. In dieser Hinsicht bemerkt Georg die Trockenheit des Beileides seines Freundes in Bezug auf den Verlust der Mutter, als ob er seine eigene Ambivalenz durch die __Projektion__, einen anderen Abwehrmechanismus der Psychoanalyse, verbergen will.


Es ist bemerkenswert, dass der Vater selbst seine Vorherrschaft in der Familie mit der Sexualität verbindet. Das lässt sich aus seiner Bedrohung erkennen, Georgs Verlobte wegzunehmen, um sich als “noch immer der viel Stärkere” zu bewähren (767). In der Theorie des Ödipuskomplexes agiert aber der Vater als Rivale nur in der Wahrnehmung des Sohnes; während in Das Urteil der Vater auch Georg als Antagonist sieht. Um also im Einklang mit Freud zu sein, könnte man die ganze Episode nur als eine metaphorische Darstellung Georgs Projektionen und verschiedenen Ebenen seines Bewusstseins betrachten. In diesem Fall waren die oben erwähnten Einsichte des Vaters bezüglich Georgs Gefühle und Motivationen nicht so überraschend, weil er Georgs Über-Ich repräsentieren würde. Da ich mich für die Zwecke dieses Artikels zu einer realistischen Interpretation der Figur von Georgs Vaters neige, erforsche ich diese These nicht weiter und versuche stattdessen das Verhalten des Vaters psychologisch zu erklären.


Und zwar findet das zweiseitige Vater-Sohn-Verhältnis eine Erklärung in Freuds Totem und Tabu, wo er die Entstehung der Zivilisation durch den Tod des tyrannischen Vaters der Urhorde von seinen Söhnen erklärt. So zieht Jacob Hessig die Parallele zwischen dem Bild von Freuds Urvater und Georgs Vater, die hauptsächlich darin liegt, dass die beiden Vaterfiguren “das sexuelle Prärogativ” zu behalten versuchen, und zwar verhindert der Vater der Urhorde seinen Söhnen den Zugang zu den "Weibchen" (Hessing 85). In Freuds Darstellung wird der Vater von seinen Söhnen getötet, weil sie seine Stellung einnehmen wollen. Der Sohn in Kafkas Geschichte erweist sich dagegen als zu schwach, um gegen den Vater erfolgreich zu rebellieren.


Die fatale Rivalität ist jedoch nur eine Seite des Ödipuskonflikts vom Standpunkt des Sohnes. Der andere, ebenso wichtige Aspekt besteht in einer dem Todeswunsch ganz entgegensetzten Haltung. Nach Freud beginnt der Knabe auf einer bestimmten Phase mit seinem Vater zu __identifizieren__: “Die Objektbesetzungen werden aufgegeben und durch Identifizierung ersetzt” (Freud, __Der Untergang des Odipuskomplexes__). Um eine solche schädliche Konsequenz der frühkindlichen sexuellen Strebungen der Mutter gegenüber wie __Kastration__ zu vermeiden, entwickelt der Knabe das Gefühl der Ehrfurcht vor seinem Vater und verinnerlicht die väterliche Autorität, wobei sich das Über-Ich bildet: “die ins Ich introjizierte Vater-oder Elternautorität bildet dort den Kern des Über-Ichs, welches vom Vater die Strenge entlehnt [...]” (Freud, __Der Untergang des Odipuskomplexes__). Obgleich Georg seinen Vater als Hindernis für sich betrachtet und sein Altwerden oberflächlich nur in Hinblick auf seine eigenen Gewinne wahrnimmt, kommt er letztendlich zu seinem Vater mit dem Brief, als suche er seine Zustimmung. Während er offenbar unbewusst seinen Vater “zudecken” möchte, kann er gleichzeitig dem Angriff des Vaters keinen wirklichen Widerstand bieten. Sogar mit solcher harmlosen Erwiderung wie “Komödiant” hält sich Georg zurück, weil er dadurch seinem Vater keine Schaden zufügen will (767). Sogar während die verinnerlichte Autorität des Vaters Georg physisch zum Wasser “jagt,” scheint er das Urteil selbst darum auszuführen, um seinen Vater - und auch die Mutter - zu befriedigen, indem er sich wie ein “ausgezeichneter Turner” schwingt, was seine Eltern einmal stolz gemacht hat (769).


Weiterhin kann es hier um eine andere Art Befriedigung gehen. In __Das Ich und das Es__ bemerkt Freud, dass das Kind, das von Natur aus bisexuell ist, während der Identifizierung auch zärtliche Gefühle zum gleichgeschlechtlichen Elternteil entwickeln kann: "Der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Einstellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter, sondern er benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche feminine Einstellung zum Vater und die ihr entsprechende eifersüchtig-feindselige gegen die Mutter." Solche Interpretation könnte die Merkmale Georgs erotischer Gefühle zum Vater erklären. Die Bemerkung, dass sein Vater im offenen Rock noch "ein Riese" ist, mag wohl eine phallische Assoziation haben; während Georgs Beobachtung der Narbe auf dem Oberschenkel des Vaters eine symbolische Verbindung mit dem weiblichen Geschlechtsteil hervorruft. Wenn Georg im "unendlichen Verkehr" aus der Perspektive des Lesers verschwindet, könnten wir jenen Verkehr nicht nur als Bewegen von Fahrzeugen, sondern auch als Geschlechtsverkehr verstehen, was Kafka selbst, nach Max Brods Erinnerung, im Sinn hatte: „Weißt du, was der Schlußsatz bedeutet ? – Ich habe dabei an eine starke Ejakulation gedacht“ (Kurczacz, Kafkas “Urteil” und “Landarzt”). Wollen wir uns dann statt Georgs Ertrinkens eine Ejakulation als Ergebnis der spannenden Begegnung mit dem Vater vorstellen?



Odradek:

Die unheimliche Sterblichkeit




Wie der Titel des Werkes “Die Sorgen des __Hausvaters__” andeutet, handelt es hier um ein __Familienoberhaupt__ - ein Konzept, das eine umfassendere Bedeutung als das vom__Vater__ hat. Außer der Bedeutung von einem “Mann, der ein oder mehrere Kinder gezeugt hat” (Duden), impliziert es auch einen __Patriarchen__ und geht auf den lateinischen __Paterfamilias__ zurück. In der altrömischen Familienstruktur bezeichnete der Begriff Paterfamilias den ältesten, männlichen Familienvertreter, der über allen anderen Familienmitgliedern stand, der die absolute Kontrolle über die Ehefrau, die Kinder sowie die Güter des Haushalts hatte, und der diesen Haushalt leitete.


Aus Kafkas Text lässt man [sich] erschließen, dass der Ich-Erzähler selbst dieser Hausvater ist, daraus, dass er sich mit dem merkwürdigen “Wesen” in seinem Haus beschäftigt, als sei es ein Haushaltsgerät, für welches man als Familienoberhaupt verantwortlich ist. Der Erzähler versucht dieses “Wesen,” das Odradek heißt, anhand von mehreren Ansätzen zu erklären. So führt er die offenbar akademischen Versuche an, die Herkunft und den Sinn des Namens Odradeks durch etymologische Studien festzustellen. Diese Studien haben aber nur mehr Unsicherheit erzeugt. Als Nächstes führt man ein morphologisches Studium auf, indem man die Form des Wesens analysiert, um irgendwelchen Zweck zu erkennen, den das “Gebilde” einmal hatte. Ebenfalls kommt dieser Versuch zu nichts. Man findet keine Zeichen, dass Odradek zerbrochen ist oder dass ihm einige Teile fehlen: obwohl die Form keinen Sinn zu haben scheint, sieht sie “in ihrer Art” vollendet aus.


Aufgrund dieser Betrachtung vermutet der Erzähler, dass Odradek nicht sterben könnte: alle sterblichen Wesen hätten einen Zweck und deshalb gehöre Odradek zu dieser Kategorie nicht. Gerade diese Vermutung der Unsterblichkeit Odradeks scheint den Erzähler am meisten zu ängstigen. Was verbirgt sich in der Tatsache, dass der zwecklose Odradek den Hausvater überleben wird, das diese Erkennung “fast schmerzlich” macht?


Die Fixiertheit des Hausvaters auf Odradek scheint dadurch motiviert, dass er die Macht über seinen Haushalt haben will. In dieser Hinsicht lassen sich die Parallele zwischen ihm, Georgs Vater und Freuds Urvater ziehen: die drei klammern sich an ihren überlegenen Status im Haushalt, in der Familie und in einem Stamm. Während die Väter in Das Urteil und Totem und Tabu ihre Vorherrschaft hauptsächlich durch das sexuelle Prärogativ bestätigen, kann der Status des Hausvaters im Zusammenhang mit seiner Fähigkeit, die anderen nach seinen Normen zu beurteilen, und mit der Langlebigkeit betrachtet werden.


Obwohl Odradek weder als Mensch noch als Tier von der Perspektive des Hausvaters anerkannt wird, wendet der Letzte auf das “Wesen” seine eigenen, menschlichen Normen an. Als Haushaltsoberhaupt sucht der Erzähler nach einem praktischen Ziel des rätselhaften Wesens, ohne die ästhetische Bedeutung der Vollendung von Odradeks Form zu erkennen. Als Mensch versucht er eine “Art Tätigkeit” in Odradeks Existenz zu identifizieren, scheitert aber dabei, die ständige, scheinend sinnlose Bewegung Odradeks als Zweck an sich selbst zu betrachten. So ein Ansatz lässt den Hausvater nicht zu erkennen, dass das Ziel Odradeks außerhalb des menschlichen Verständnisses ist oder dass das Ziel als Begriff in seiner Existenz überhaupt fehlt.


Ebenso ist der Hausvater durch die Langlebigkeit Odradeks gestört, die ihn zweierlei in Konkurrenz mit Odradek stellt: hinsichtlich seines zeitlichen Vorrangs als Patriarch in der Vergangenheit sowie in der Zukunft. Bei Odradek findet man Zeichen weder von einem Ursprung noch von einem Zweck, mit dem sich Odradek bis zum Tod “zerreibt”. An welcher Tätigkeit “zerreibt sich” aber der Erzähler selbst, dass er sich seines eigenen Zweckes so sicher ist? Er ist als Hausvater “tätig”. Als Patriarch der Familie repräsentiert er die Langlebigkeit seines Geschlechts, die dadurch bestimmt wird, wie fern die Herkunft des Geschlechtes zurückreicht. Es könnte sein, dass der Erzähler die Entstehung des Wortes Odradek gerade darum zu finden versucht, um die Reichweite seines “Stamms” festzustellen. Sogar wenn “Odradek” nur ein Eigenname ist und sich auf kein bestimmtes Wesen oder keinen bestimmten Gegenstand bezieht, könnte die Etymologie Auskunft über den Ursprung Odradeks ergeben. Aber je ferner Odradeks Wurzeln zurückreichen, desto geringer ist die Chance , solche Information zu erreichen. Wenn Odradek überhaupt ein Wesen mit einem Ursprung ist, dann muss sein Entstehen so fern zurückreichen, dass es der Entwicklung der modernen Sprachen vorausgeht. In diesem Licht muss die geschichtliche Präsenz des Hausvaters unvergleichbar kurz sein, Dasselbe gilt für die Zukunft, für die späteren Generationen des Hausvaters, seine “Kinder und Kindeskinder”. Obwohl er ganz gelassen an das unvermeidliche Ende alles Lebenden zu denken scheint, wird er doch von der Tatsache gestört, dass Odradek ihn überleben, und zwar im Leben seiner Nachahmen eine ständige Präsenz haben wird. Wenn das älteste und langlebigste männliche Haushaltsmitglied als Oberhaupt des Haushalts, des Geschlechtes, gilt, würden wir dann nicht Odradek als solches betrachten?


Es ist bemerkenswert, dass sich der Hausvater im Gegensatz zum Vater in “Das Urteil” von seinen Kindern bedroht nicht zu fühlen scheint. Vielleicht geht es in diesem Text um mehr als einen Konflikt der Generationen und eher um die existentielle Angst im allgemeinen, die auch die Nachkommen des Hausvaters konfrontieren müssen. Und diese Angst, die den Vater mit seinen Kindern eher bindet als sie zu seinen Rivalen macht, ist die Angst vor Tod.


Außer der Bedrohung dem Status des Hausvaters stellt Odradek auch ein Symbol für das Bewusstsein seiner Sterblichkeit dar. In diesem Hinsicht können wir Freuds Theorie des Unheimlichen anwenden. Da diese Theorie ist vielleicht nicht so bekannt, wie die des Oedipuskomplexes ist, ist eine mehr ausführliche Erklärung nötig. Im Aufsatz __Das Unheimliche__ schlägt Freud vor, dass es bestimmte Phänomene im Leben gibt, die beim Menschen ein unheimliches Gefühl hervorrufen. Das Unheimliche ist nicht das gleiche wie das Erschreckende und wird dadurch unterschieden, dass es im Zusammenhang mit dem Wort “heimlich,” oder vertraut, interpretiert werden soll (Das Unheimliche 298). Genauer gesagt bestimmt Freud das Unheimliche als “jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht” (Das Unheimliche 298). Eine noch bessere Definition gibt er mit der Zitate des Philosophen F.W.J. Schelling: “Unheimlich sei alles, was ein Geheimnis, im Verborgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist” (Das Unheimliche 302). Freud bemerkt, dass die unheimlichen Dinge nichts an sich haben, das solche Wirkung verursacht; sondern nimmt sie der Mensch als solche wegen seinen subjektiven Faktoren wahr (Das Unheimliche 312). Diese Faktoren lassen sich durch die Psychoanalyse entdecken, weil sie auf die Erfahrungen zurückgehen, die, nachdem sie im Unbewussten verdrängt worden waren, durch das Unheimliche im Bewusstsein wieder erscheinen: “Dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist” (Das Unheimliche 315).


Unter den Dingen und Erlebnissen, die unheimlich wirken, ordnet Freud die unlebendigen Gegenstände ein, denen seelische Tätigkeit zugeschrieben wird. Eridentifiziert sie als die Spuren des Animismus, das heisst, des Zuschreibens der menschlichen Kräfte an Dinge, das die Menschheit in der “primitiven” Entwicklungsphase zur Wehr gegen die Umwelt benutzte (Das Unheimliche 314). Am unheimlichsten aber erscheinen die Phänomene, die mit dem Tod zu tun haben. Die Angst vor dem Tod habe die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet; gerade um diese Angst loszuwerden, versprächen die Religionen das Leben im Jenseits (Das Unheimliche 315). Als untrennbare “Sorge” des Menschen, ist die Sterblichkeit ihm “heimlich.” Da der Mensch sie zu verdrängen versucht, kehrt sie zu ihm in Form des Unheimlichen zurück.


Im Fall Odradeks sieht man nichts Erschreckendes am “Wesen” selbst, doch bekommt der Erzähler sowie der Leser ein unbehagliches Gefühl. Dessen Ursache verrät uns der Hausvater selbst, indem er Ängstlichkeit vor Odradeks Unsterblichkeit unbewusst anzeigt. Ganz wie das Unheimliche Freuds, ist Odradek gleichzeitig heimlich und unheimlich im Bewusstsein des Hausvaters, was auf die Verdrängung vom Bewusstsein seiner Mortalität hinweist. Und zwar verdrängt der Hausvater seine Angst, indem er den Tod mit Zielbewusstsein des Lebens rationalisiert und sich dadurch mit seiner Sterblichkeit zu versöhnen versucht.Allerdings verrät jenes “fast schmerzliche” Gefühl, das er im Zusammenhang mit Odradek hat, seine verdrängte Haltung dem Tod gegenüber: __Odradek zwingt ihn immer wieder seine Sterblichkeit zu konfrontieren__.


Auch in einem weiteren Sinn wirkt Odradek unheimlich. Odradek ist kein Mensch nach seinem Aussehen und doch spricht “er” und ist eines Äquivalentes der menschlichen Emotion fähig. Während der Hausvater “verführt” ist, Odradek wie ein Kind -- offenbar in einer weiteren Akt der Verdrängung, als sei Odradek nichts Gefährliches -- zu behandeln, lacht der Letzte darauf mit einem Lachen, das man nur “ohne Lungen hervorbringen kann”. Welche verdrängte Gefühle, außer der Angst vor der Tod, könnte dieses anscheinend lebendiges “Ding” hervorrufen? Die Antwort dazu könnte man in der Form Odradeks suchen, die dem Hausvater so zwecklos scheint. Odradek sieht wie ein Stern aus, was sich mit Judentum oder dem Spirituellen im allgemeinen assoziieren lässt. Wie schon erwähnt, dient die Religion, entsprechend Freud, zum Zweck, die Angst vor der Sterblichkeit zu beseitigen, sie zu verdrängen. Die Tatsache, dass diese Angst nicht mehr zu kontrollieren ist, mag die Unzulänglichkeit einer Religion anzeigen, diesen menschlichen Bedarf zu befriedigen.


In dieser Interpretation vereinigt Odradek zwei Merkmale des Unheimlichen: er ist doppelt-unheimlich. Als ein unsterbliches Wesen repräsentiert er die Wiederkehr der verdrängten Ängstlichkeit des Hausvaters vor seiner Sterblichkeit. Als ein sternartiges Ding, das doch lebendig scheint, verkörpert Odradek die Unfähigkeit der Religion, die Angst vor der Tod zu dämpfen. Wie ein “nachschleifender Zwirnsfaden” verfolgt das Todesbewusstsein den Hausvater in Form des unheimlichen Wesens, und unkontrollierbar lässt es sich von ihm nie fangen.




Der Fährmann

Mutter oder Frau: Wie du willst



Von drei Texten stellt nur “Der Fährmann” eine vollständige Familiensituation dar, in der die beiden Eltern anwesend sind. Allerdings sind die Umstände, in denen der Erzähler seine Eltern findet, sind gar nicht normal zu nennen. Der Ich-Erzähler steigt in ein Boot ein, dessen Fährmahn sich sein Vater erklärt. Es sei doch keine genetische Verwandtschaft und nur eine örtliche Sitte, die Passagiere als Kinder anzureden. Noch merkwürdiger ist die Tatsache, dass die in einem Verschlag verborgene “Mutter” keinen fixierten Familienstatus hat: sie könnte dem Erzähler sowohl die Mutter als auch die Ehefrau sein. Im ganzen Ereignis erstaunt den Erzähler aber am meisten die Tatsache, dass sich eine Frau überhaupt im Boot in der Nacht befindet.


Für diejenigen, die von dem abrupten Ende des Textes verblüfft sind, ist es bemerkenswert, dass er kein vollendetes literarisches Stück ist, sondern nur ein __Fragment__, das posthum aus den Tagebüchern Kafkas herausgezogen und veröffentlicht wurde. Ob die Geschichte so endet, wie Kafka sie enden wollte, können wir nie wissen.


Während viele Texte Kafkas so klingen, als habe er nur seine Träume niedergeschrieben, lässt sich dieses Fragment berechtigterweise als ein Traum interpretieren. Solche Merkmale des Fragmentes wie das unlogische Inhalt und die lässige Reaktion des Erzählers auf die unrealistischen Ereignisse, findet bei Kafka nicht selten. Was diesen Text sonderlich macht, ist die Tatsache, dass alle Personen nur Teile der Psyche des Ich-Erzählers zu sein scheinen. In dieser Hinsicht ist der Verweis auf Sigmund Freud hilfreich. In __Der Dichter und das Phantasieren__ definiert Freud die Träume als die Erfüllungen der Wünsche des Träumenden, “deren wir uns schämen und die wir vor uns selbst verbergen müssen, die eben darum verdrängt, ins Unbewusste geschoben wurden.” Wenn man also Kafkas Fragment als einen Traumtext interpretiert, betrachtet man die Figuren der Eltern nicht als motiviert von ihren eigenen Absichten und Wünschen, sondern als Ausdrücke der unbewussten Wünsche des Ich-Erzählers.


Die Tatsache, dass der Traum ein Schlüssel zum Unbewussten ist, veranlasst uns dazu, eine tiefere Dimension der Ereignisse zu suchen. Auf dem wörtlichen Niveau trifft der Erzähler eine Frau, die er nach der Sitte “Mutter” anreden soll und die ihm vorschlägt, ebengleich seine Ehefrau sein zu können. Auf dem unbewussten Niveau lässt sich solche Situation, wie in “Das Urteil,” in Bezug auf den Ödipuskomplex interpretieren: der Erzähler hat einen unbewussten Wunsch, den Geschlechtsverkehr mit seiner eigenen Mutter zu haben. Sobald sie ursprünglich als eine Muttergestalt auftaucht, wird sie sofort in ein sexuelles Objekt von der Psyche des Träumenden verwandelt.


Nach Freuds Theorie wird der ödipale sexuelle Wunsch des Sohnes von dem Todeswunsch dem Vater gegenüber begleitet. Im Gegenteil scheint die Beziehung des Ich-Erzählers und seines Vaterersatzes eine Idylle zu sein. Der vertrauenswürdige Vater weiß die Wünsche des Sohnes, ohne dass der Letztere sie äußert, scheint sein ganzes Leben nur so zu verbringen, um diese Wünsche zu ermöglichen und am wichtigsten, legt keine Hindernisse der Begierde des Sohnes nach der Mutter in den Weg. Die ideale Vatergestalt, die den genetischen Vater ersetzt, könnte ein Ausdruck des Bedürfnisses des Ich-Erzählers nach der echten väterlichen Sorge bedeuten, aber auch des Wunsches, das Haupthindernis der ödipalen Lust zu beseitigen.


Trotz der Zentralität des sexuellen Verlangens nach der Mutter im ödipalen Szenario, wird der Frau im Fragment nur eine sekundäre Stellung gegeben. Und zwar wird sie in einen Verschlag gesteckt, so dass, hätte der Erzähler von sie nicht gefragt, wir nie von ihrer Anwesenheit erfahren würden. Räumlich befindet sie sich in der Mitte zwischen dem “Vater” und dem Erzähler und zeigt von sich nichts mehr als das “starke Gesicht” und eine grüßende Hand. Warum wird die “Mutter” aus der Sicht vertrieben? Von der psychoanalytischen Standpunkt könnten wir solche “Vertreibung” der Mutter als Verdrängung des ödipalen Wunsches interpretieren. Wie in “Das Urteil” wird der Ödipuskomplex in der Psyche des Sohnes nicht ausgelöst sondern nur verdrängt. Sogar im Traum, wo das Verdrängte durchbricht, lässt die Psyche nur einen Teil von der Mutter zu und begrenzt ihre Präsenz mit den physikalischen Barrieren. Würde die Mutter aus dem Verschlag in voller Körper auftauchen, wäre das Behagen zwischen dem “Vater” und dem “Sohn” immer noch möglich?


Wie reagiert der Erzähler auf die Erscheinung der Mutter? Statt mit dem inzestuösen Vorschlag verblüfft - oder erfreut - zu sein, drückt er seine Erstauung über die Präsenz einer Frau aus. Auf solche Weise scheint er den Fokus von der Situation wegzuziehen, die in einen erotischen Traum verwandeln und den verdrängten Wunsch zur Licht bringen könnte. Tatsachlich wird er darüber so erstaunt, als gäbe es nur für Frauen ausschließlich reservierte Nischen des Lebens, deren Grenze sie normalerweise nicht überschreiten. Tatsächlich wird entsprechend Freuds Theorie das Unangenehme ins __Unbewusste__ verschoben, um es daran zu hindern, ins Bewusstsein durchzudringen. Doch ist der Prozess der Verdrängung nicht endgültig: “Wir dürfen uns vorstellen, dass das Verdrängte einen kontinuierlichen Druck in der Richtung zum Bewussten hin ausübt, dem durch unausgesetzten Gegendurch das Gleichgewicht gehalten werden muss” (Freud, Die __Verdrängung__). Dem verdrängten Wunsch gelingt es zwar, sich ins “Boot,” ins Offene, aus den Begrenzungen des Unbewussten loszureißen, wenn auch nur teilweise, doch wird er sofort an der Merkwürdigkeit seiner Präsenz erinnert.







Aus der psychoanalytischen Perspektive ergänzen die drei Texte einander wie Facetten eines gemeinsamen Themas. Wir beginnen mit dem gewalttätigen Konflikt zwischen dem Vater und dem Sohn, der sich mit dem Ödipuskomplex sowie mit dem Kampf für die Vorrangstellung erklären lässt. Die verstorbene Mutter bleibt nur im Gedächtnis des Vaters anwesend, da sie sein Sexualmonopol in der Familie bestimmt. Georg erinnert an sie nur flüchtig, obwohl er in der letzten Szene an den beiden Eltern seine Liebe bekennt. Während er seine Haltung der Mutter gegenüber aufgrund des ödipalen Wunsches verdrängt, bekommen wir in “Der Fährmann” die Offenbarung solcher Verdrängung in Form eines Traums. Der sexuelle Wunsch des Erzählers seiner Mutter gegenüber wird dadurch enthüllt, dass sich ihm die Muttergestalt im Traum als sexuelle Partnerin bietet. Eine ganz andere Dynamik gibt es im Traumtext zwischen dem Vater und dem Sohn. Die Vatergestalt ermöglicht den verdrängten Wunsch des Träumenden, indem er ihm als der legitime sexuelle Partner der Mutter in Weg nicht steht. In “Die Sorgen des Hausvaters” bekommen wir einen Einblick in die Psyche des Vaters, dessen existentielle Ängstlichkeit ihn dazu zwängt, diejenige, die ihm seine Sterblichkeit auffallen lassen, als Bedrohung und Belästigung, als das Unheimliche wahrzunehmen. Diese Ängstlichkeit, die mit dem Bewusstsein seines eigenen unvermeidlichen Ende zu tun hat, kann auch das Benehmen des Vaters Georgs dem Sohn gegenüber erklären: er klammert sich mit allen Mitteln an seine Lebenskraft und voller Verzweiflung, seine Macht zu bewahren, entfesselt seine Wut auf den Sohn. Das Bewusstsein selbst, das Georg im Laufe der Natur den Platz des Vaters bekommt, bringt den Vater zum ungerechten Urteil.






Literaturverzeichnis



  1. Freud, Sigmund. “Das Ich und das Über-ich (Ichideal).” Das Ich und das Es. Web. __http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-ich-und-das-es-932/3__
  2. Freud, Sigmund. Das Unheimliche. Web. __http://www.gutenberg.org/files/34222/34222-h/34222-h.htm__
  3. Freud, Sigmund. Der Dichter und das Phantasieren. Web. __http://www.textlog.de/freud-psychoanalyse-dichter-phantasieren.html__
  4. Freud, Sigmund. Der Untergang des Ödipuskomplexes. Web. __http://www.textlog.de/freud-psychoanalyse-untergang-oedipuskomplex.html__
  5. Freud, Sigmund. Die Verdrängung. Web. __http://gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schriften-ii-7122/32__
  6. Hessing, Jacob. __Verlorene Gleichnisse: Heine, Kafka, Celan__
  7. Kurczacz, Konrad. Kafkas “Urteil” und “Landarzt” - zwei psychonalaytische Annäherungsversuche.




Zur weiteren Information:

  1. Judith Butler über die Figur Odradeks (auf Englisch): __https://www.youtube.com/watch?v=v573KaWGIrc__
  2. Judith Butler, Avital Ronell, Laurence Rickels über die Vater-Sohn-Beziehung in "Das Urteil" aus der psychoanalytischen Perspektive (auf Englisch): __https://www.youtube.com/watch?v=ifz0m9PBD9E__
  3. Carsten Reichert's __Die Anwendbarkeit Freuds Theorie des Unheimlichen auf die Literatur des 19. Jahrhunderts.__
  4. Peter Groth's __Das Unheimliche in der Psychoanalyse__